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OMEGA 5
Roman von Anis Hamadeh
Einleitung

Einleitung  
Kapitel   1   2   3  
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Arabic Version  
Glossar  
Illustrationen  

Zum Stand des Romans Omega 5 (2012): Unten findet man eine Kurzbeschreibung des entstehenden Buches sowie die ersten 20 oder 30 Seiten. Jetzt existieren knapp vier Kapitel, das sind etwa 70 große Seiten. Außerdem sind einige Illustrationen entstanden. Das Buch ist zu etwa einem Drittel fertig. Ich bin auf der Suche nach einem geeigneten Verlag.

Kurzbeschreibung: "Omega 5" ist die Geschichte von Jonas, der körperlos durch ein Sternentor von einem entfernten Planeten zur Erde gelangt. Mit Hilfe eines Mediums kann er kommunizieren und er versendet Emails, um von seiner fantastischen Welt zu berichten, in der Riesen leben und sprechende Lemuren. Eine erdbeer-ähnliche Liebesfrucht mit Namen Batuum gibt es dort und eine Philosophie, die "Oraat" heißt, was etwa "Frieden durch Öffentlichkeit" bedeutet. Von dieser Geschichte erfährt Anton in Berlin und er lässt sich darauf ein, ohne dabei Jonas zu glauben, dass er die Wahrheit sagt. Jonas erzählt, dass seine Leute vor vierzig Jahren zum ersten Mal auf die Erde aufmerksam wurden, die sie "Bitfu", den Beat-Planeten, nannten. Nach dem Elften September haben es einige Omeganer für notwendig erachtet, Kontakt aufzunehmen. Er sei ein Botschafter, der aber auf der Erde feststecke und nicht zurück könne, bis man ihm hier auf der Erde glaube. Während Anton versucht, durch Fragen Widersprüche in Jonas' Erzählungen zu finden, findet er zufällig im Traum das Sternentor und verbringt eine kurze Zeit auf Omega 5, bis er verwirrt wieder erwacht. Gibt es diese Welt denn wirklich? Ein zweites Mal gerät Anton auf den Planeten und dieses Mal findet er nicht mehr zurück. Nun sind sowohl Jonas als auch Anton in einer fremden Welt gefangen und müssen sich mit ihr auseinandersetzen. Neben unterhaltsamen Episoden und märchenhaften Fantasien erfährt man in dem entstehenden Roman "Omega 5" viel über die lange Geschichte und die Kultur der Omeganer, bei denen es sich um eine Gesellschaft handelt, die den Wert der Gewaltlosigkeit sehr wichtig nimmt und die zum Beispiel kein Militär hat.

Inhalt: Email von Jonas - Ich glaubte kein Wort - Riesen, Batuum und die Gründung von Raat - Eine Fantasie
- Email von Jonas -

Des Öfteren schon bin ich gebeten worden, die Geschichte eines auffälligen Zeitgenossen zu Papier zu bringen. Es steckt ein gewisser Reiz darin, die Wege und Charaktere von Menschen zu porträtieren, deren Leben in Bahnen verläuft, die nicht alltäglich sind. Man sieht in diesen Anderen wohl auch das Universum der eigenen Möglichkeiten, denn man selbst gehört zur gleichen Art, lebt vielleicht in einer ganz ähnlichen Umgebung, und ist doch um Welten vom Anderen entfernt.

Vor ein paar Wochen erreichte mich eine Email, von der ich bis jetzt nicht genau weiß, was ich davon halten soll. Zuerst dachte ich, es sei nur ein Scherz, jedoch... aber lest es erst selbst:

"Lieber Anton, ich kenne Dich von Deinen Berichten im Internet. Ich bin froh, dass Du mit außergewöhnlichen Phänomenen bereits zu tun hattest, denn im Verlauf dieses Briefes wirst Du unschwer erkennen, dass ich ohne weiteres in diese Kategorie zu rechnen bin. Bevor ich ins Detail gehe, sollst Du wissen, dass ich kulturvermittelnd unterwegs bin. Die Kultur, die ich vertrete, ist Dir bislang völlig unbekannt. Gleich werde ich Dir davon erzählen, und Du wirst mir kein Wort glauben. Ich werde Dich mit Dingen konfrontieren, die Du Dir zwar vorstellen, deren Realität Du aber im Moment nicht anerkennen kannst.

Für mich ist es ein Versuch. Meine Kultur hat sich dazu entschlossen, zum jetzigen Zeitpunkt mit Deiner Kultur offen zu kommunizieren. Wir haben Wissen, das Euch inspirieren kann, wir haben Fragen, vor allem aber möchten wir herausfinden, wie wir aufeinander reagieren, Eure und unsere Kultur, meine ich. Stell Dir vor, es wäre eine Fantasie und sieh, ob sie Dir gefällt. Mehr kann ich jetzt wohl nicht erwarten.

Mein Planet heißt Omega 5. Seit knapp zwei Jahren bin ich hier zu Besuch und beobachte das Leben auf der Erde. Jonas ist mein Name. Es gibt - auch das wird Dich vermutlich überraschen - eine Anzahl von Omeganern, die sich gelegentlich auf der Erde befinden, seit wir den Gebrauch von Sternentoren gelernt haben. Wir können uns auf der Erde zwar nicht materialisieren, aber unser Geist kann einen Wirt unter den Menschen finden, der uns für eine gewisse Zeit aufnimmt und durch den hindurch wir uns artikulieren können. Außerdem erlaubt uns ein solcher Besuch, menschliche Erfahrungen mitzuerleben und zu teilen. Ich habe hier bereits viel gelernt und brenne darauf, mit diesem meinem vormaligen Objekt des Studiums in direkten Kontakt zu treten. Nicht mit dem Medium, sondern mit der Gesellschaft, mit Außenstehenden.

Mein Medium ist eine Frau von 27 Jahren. Sie wird kaum in dem Erwähnung finden, was ich mitzuteilen habe, denn ihr brauche ich es nicht zu sagen, sie versteht mich. Es gibt ein paar Menschen, die uns sofort verstehen, und eine Mehrheit, bei der es anders ist. Mein Medium liest gewissermaßen mit, während ich mit ihren Fingern schreibe. Sie ist in einer Trance. Mein eigener Körper, der übrigens menschenähnlich ist, ist währenddessen auf Omega 5 und schläft. Was diese Techniken angeht, möchte ich zu diesem Zeitpunkt aber nicht ins Detail gehen. Viel weiß ich sowieso nicht darüber. Ich gebe Dir lieber einen Einblick in das Leben auf Omega 5.

Das erste, was einem Omeganer auf der Erde auffällt, ist die Abwesenheit von Riesen. Dort gibt es nämlich Riesen, die - nach unseren Maßstäben - für Stabilität sorgen. Das erste, was ein Omeganer tut, wenn er von einem Erdbesuch nach Hause kommt, ist, dass er die Riesen besucht und sich ihnen anvertraut. Oder den Meditatoren. Anders als auf der Erde gibt es unter uns nämlich welche, die sehr alt werden, etwa so alt wie bei Euch die ältesten Bäume. Das sind die Meditatoren. Sie haben eine besondere gesellschaftliche Funktion, ebenso wie die Riesen. Meine eigene Lebenserwartung und die der meisten meiner Leute liegt bei etwa 150 Jahren. Nicht alle von uns haben die mentalen Fähigkeiten, durch das Sternentor zu reisen, aber einige. Die meisten von uns glauben, dass man es lernen kann.

Unsere Wissenschaftler versuchen seit der Entdeckung der Erde vor 40 Erdjahren, diplomatische Beziehungen einzurichten, doch scheiterte das (aus Sicht unserer Politiker) meist an der Tatsache, dass wir, so wir überhaupt wahrgenommen wurden, nach den Maßstäben der Menschen beurteilt wurden und nicht nach den Maßstäben unserer eigenen Kultur. Dabei hatten die Erdlinge gar kein Wissen über die Kultur auf Omega 5 und zudem eine natürliche Scheu vor dem Fremden. Das traf sich etwas unglücklich mit der zerbrechlichen Art der Reisenden und führte auch zu Fehlverhalten unsererseits. Es gibt mehr von meiner Art bei Euch, doch bin ich, so weit ich weiß, der erste, der sich, um eines Eurer interessanten Wörter zu gebrauchen, outet.

Gern erzähle ich Dir mehr, doch will ich erst abwarten, welche Reaktion dieser Brief hervorruft, denn vielleicht bin ich nicht an der richtigen Adresse. Dann muss ich eben weitersuchen. Doch scheinst Du mir jemand zu sein, der aufgeschlossen ist für Neues, neugierig vielleicht. So jemanden suche ich nämlich. Gruß von Jonas."

- Ich glaubte kein Wort -

Wie gesagt, zunächst glaubte ich an einen Scherz. Aber das hatte dieser Jonas gesehen und er hatte dennoch geschrieben und es mir geschickt. Nette Geschichte, wenn man sie als Geschichte betrachtete, aber Jonas hatte natürlich Recht, ich glaubte ihm kein Wort. So schrieb ich es ihm auch einige Tage später. Nach einer Erklärung für seinen Brief fragte ich dennoch, denn irgendetwas Wichtiges schien Jonas mitteilen zu wollen und das ist ja nichts Verwerfliches. Schon mancher hatte so intensive Gefühle und Wahrnehmungen, dass er sie zu Literatur verdichtete, um sie überhaupt ausdrücken zu können. Ich kam also zu der Überzeugung, dass es sich bei Jonas um eine Rolle handelte, die jemand spielte, um einen verborgenen Teil von sich bildlich darzustellen und zu kommunizieren. Eine Metapher, eine Allegorie. Ich sah insgesamt keinen Grund, Jonas abzulehnen. So schrieb ich ihm also, dass er mir gern in einer weiteren Mail mehr über Omega 5 erzählen dürfe, wenn er das wollte, wenngleich ich auch nicht sicher sein könne, ihm in Allem zu folgen. Einige Tage später bekam ich von ihm eine Email mit folgendem Inhalt:

- Riesen, Batuum und die Gründung von Raat -

"Lieber Anton, ich bin froh, dass Du antworten konntest, und ich werde Dich nicht enttäuschen. Ja, stell Dir vor, es wäre eine Metapher, das ist ein guter Ansatz. Hauptsache, Du hörst zu. Das Grundproblem zwischen Kulturen ist ja, dass man sich gegenseitig nicht zuhört, weil man Vorurteile hat oder Desinteresse. Die Figur des Außerirdischen zum Beispiel ist bei Euch ein Klischee, das verstärkt in den 60er-Jahren aufgetreten ist und seitdem als Projektionsfläche für Euer Innenleben herhält. Ich hatte zwei Jahre Zeit, um mich mit Eurer Kultur zu beschäftigen, und ich lerne recht schnell. Diese Welt, von der ich erzähle, ist Dir nicht wirklich fremd, sie erscheint nur fremd. Kommt ihr ein Erdling näher, bemerkt er, dass ihm vieles bekannt ist und schnell vermutet er einen Schwindel. Es ist schwierig, sich über solche Vorurteile hinwegzusetzen.

Die Population von Omega 5 beträgt etwa 500 Millionen Omeganer. Unser Planet ist etwas kleiner als die Erde, sodass wir etwas weniger Schwerkraft haben, doch auch wir haben eine Sonne und einen Mond. Wir haben Meere und Klimazonen, Sauerstoff, Pflanzen und Tiere, Männer und Frauen, das ist alles sehr ähnlich. Wir haben ein paar Tierarten, die Ihr nicht habt und umgekehrt. Auch für Pflanzen gilt das. Einige der Tiere von Omega 5 haben Sprachfähigkeiten.

Vieles hier auf der Erde gefällt mir. Durch mein Medium habe ich den Geschmack von Kiwifrüchten kennen gelernt und von Kaffee. Das gibt es bei uns nicht. Dafür haben wir eine Frucht, die Batuum heißt, sie schmeckt ein wenig nach Erdbeere, hat aber einen Geschmack, den man mit nichts Irdischem wirklich vergleichen kann. Einmal im Jahr feiern die meisten Dörfer das Batuum-Fest, es ist ein Feiertag, an dem wir Batuum auf die verschiedensten Arten zubereiten, tanzen und feiern. Es wird auch das Liebesfest genannt, weil Batuum eine sinnliche Pflanze ist.

Eure Musik hat mich ebenfalls fasziniert, besonders Johann Sebastian Bach, der Blues, der Jazz und die Beatles. Auch wir haben unsere Musiker und Instrumente, sie sind unterschiedlich, aber auch bei uns basiert Musik auf Melodie und Rhythmus. Erstaunlich ist, dass bestimmte Musikstücke und vor allem auch literarische Stücke frappierende Ähnlichkeiten mit omeganischer Kunst aufweisen. Ich fragte Kara, meine Meditatorin, und die erzählte mir, dass es einen uralten Austausch zwischen Menschen und Omeganern gibt, einen gemeinsamen Traumpfad, über den unsere Lieder herüberwehen zu Euch und umgekehrt. So sind etwa 60 % des Inhalts aus Lewis Carols "Alice im Wunderland" identisch mit einem bekannten omeganischen Kinderbuch aus der To-Epoche mit dem Titel "Monias Reisen". Und das ist kein Einzelfall. Die Politiker, die mich geschickt haben, haben besonders wegen dieser Übereinstimmungen den Wunsch, das gemeinsame Erbe von Mensch und Omeganer zu untersuchen.

Unsere Sprache heißt Berit. Es gibt noch viele andere Sprachen, aber Berit spricht bei uns jeder, auch die Riesen. Die Omeganer lieben die Riesen und die Riesen lieben die Omeganer. Auf unserem Planeten gibt es ein Straßen- sowie ein Tunnelsystem, das es den Riesen erlaubt, schnell an jeden beliebigen Ort zu gelangen. Die meisten leben auf einem gewaltigen Berg, der Iram heißt. Er ist nicht besonders hoch, jedoch entspricht sein Umfang der halben Größe von Australien. Fast alle Omeganer verbringen einen Teil ihrer Kindheit auf dem Berg der Riesen. Hier wächst der Batuum und die Riesen haben Gärten für uns gebaut, Naturparks, die ein beliebtes Ferienziel sind.

Es gibt heute etwa vierzigtausend Riesen. Ein Omeganer ist etwa so groß wie ein Mensch und wie der Zeigefinger eines Riesen. Weil Iram ein bergähnliches Plateau ist, das ursprünglich sogar wahrscheinlich von einem anderen Planeten stammt, hat sich die Evolution dort anders entwickelt als auf dem Rest des Planeten. Die Riesen unterscheiden sich von uns hauptsächlich durch ihre Körpergröße. Wir feiern dieselben Feste und tragen sogar ähnliche Kleidung. Ohne sie würde unser ganzes System nicht funktionieren.

Wir haben drei Kontinente, Myr, Targos und Latuna, und in den Meeren sind darüber hinaus viele kleinere Inseln. Iram liegt in der Nähe des Äquators in Targos. Die Länder auf den drei Kontinenten sind gleich den Sprachgrenzen, ähnlich wie in Europa. Als politische Einheit gilt der Dom (mit kurzem o), das ist ein Dorf oder eine Kommune. Die Einwohnerzahl eines Doms liegt im Durchschnitt bei 1500 Omeganern. Jeder Dom hat einen Vertreter oder eine Vertreterin in Raat. Raat (zwei Silben) ist ein Stadtsystem am Fuß des Iram an einem Fluss. Es leben dort etwa 250.000 Delegierte und weitere 500.000 so genannte Suamra, das sind Händler, Presseleute, Studenten und Meditatoren, oder anders gesagt: die Einwohner, die nicht zu den Delegierten gehören. Raat ist die bei weitem größte Ansammlung von Omeganern überhaupt und auch dorthin gelangen die meisten Omeganer irgendwann in ihrem Leben, und sei als Besucher der Messen und der alljährlichen Film- und Literaturfestspiele. Die Stadt ist so konzipiert, dass sie im Extremfall fünf Millionen Omeganer aufnehmen kann.

Der Anfang unserer Geschichte liegt in Mythen, ganz so, wie es bei Euch ist. Das älteste vollständige Buch, das wir besitzen, ist die Koda Ka Miraat, das "Buch des Friedens". Die Koda ist etwa 8000 Erdjahre alt und sie ist das erste Zeugnis der Sprache Berit. In den Mythen wird von der Entdeckung Irams erzählt und dem, ja, man könnte sagen: Kulturschock, der damit für beide Parteien verbunden war, besonders für die Omeganer. Die Koda ist nicht das erste Schriftzeugnis, jedoch das erste umfassende und philosophische Buch und die Grundlage unserer gemeinsamen Kultur. Die Koda liegt in etwa siebenhundert Jahren Distanz zu dieser ersten Begegnung, wurde von einem Omeganer namens Taoh verfasst und ist den Riesen gewidmet. Die Omeganer waren den Riesen anfangs sprachlich überlegen und einige Generationen nach der Entdeckung der Riesen geschah der Krieg, dem kurz gesagt die Arroganz der Ur-Targen zu Grunde lag. "Zweihundert Jahre lang war Krieg", heißt es in der Koda, wobei ein Jahr etwa so lang ist, wie bei Euch elf Monate. Es folgten fünfhundert Jahre eines unruhigen Friedens und nach der Verbreitung der Koda und später der Errichtung von Raat kam es zu einem tatsächlichen Frieden.

Über die ersten Kontakte mit den Riesen gibt es, wie gesagt, fast nur Legenden. Fest steht aber, dass sowohl die Targen als auch die Riesen jeweils über eine Sprache verfügten. Man hat alt-targische Inschriften und Wörterlisten, sogar Verse, gefunden. Die Sprache der Riesen hingegen war nie schriftlich fixiert. Vergleicht man nun die alt-targischen Dokumente mit der Koda, findet man eine Übereinstimmung von Wortschatz und Grammatik, die etwas weniger als zwei Drittel ausmacht. Der Rest stammt aus der Sprache der Riesen, die heute ausgestorben ist. Taoh ist einer der ersten namentlich bekannten Meditatoren. Er lernte die Sprache der Riesen und lebte viele Jahre in Iram. Er sprach auch bereits vom Sternentor, über das er im Buch der Träume geschrieben hat, einem Teil der Koda. Dieser Gelehrte war es auch, der den Begriff "Miraat" in die Sprache eingeführt hat, der so etwas wie "Frieden in Kooperation" oder "beweglicher Frieden" bedeutet. Die Vorsilbe "mi-" entspricht in etwa der lateinischen Vorsilbe "ko-" wie in "Kooperation" oder "koordinieren", bezeichnet aber auch das gleichlautende Verb "mi" ("bewegen; sich bewegen"). "Raat" bedeutet "Frieden", genauer: "Frieden nach dem Krieg", denn "At" wird bei uns die Periode genannt, als Riesen und Omeganer in Feindschaft lebten.

Taoh war der Lehrer von Rima, dem Gründer der Stadt Raat. Die Riesen durchmaßen den Planeten und stellten Karten her. Außerdem brachten sie die Koda in alle Länder. Der Tag, an dem die erste politische Sitzung in Raat stattfand, ist der Anfangstag unserer Zeitrechnung, von dem wir jetzt 7730 Jahre entfernt sind. In der neuen Hauptstadt Raat wurden die Dinge festgelegt und überwacht, die für alle Omeganer gleich waren. Diese "Ersten", wie die Gründergeneration bei uns heißt, sprachen bereits Berit, und die Riesen taten es in dieser Zeit auch schon. In Raat entwickelte man ein Gerichtswesen und ein wissenschaftliches Zentrum. In der Koda sind bereits viele Gesetze vorformuliert. Einer der politisch wichtigsten Punkte war das Dom-System. Im Buch der Wünsche, einem weiteren Teil der Koda Ka Miraat, heißt es: "Schließt euch zusammen zu kleinen Gemeinschaften (Domra), in denen einer des Anderen Gesicht kennt. Ein Dom sei wie der Andere und alle sind verschieden." Zur Erklärung muss hinzugefügt werden, dass hier ein Wortspiel vorliegt, weil "domra" auch "unterschiedlich, individuell" bedeutet.

Es gibt einige Begriffe, die kein rechtes Gegenstück im Deutschen oder Englischen haben (den beiden Sprachen, die ich gelernt habe) und die zentral für unsere Kultur sind. Dazu gehört "Oraat". Es bedeutet ungefähr "öffentlicher Frieden", genauer: "Friede, der durch Öffentlichkeit entsteht". Auch dieser Begriff ist zum ersten Mal in der Koda erwähnt. Es ist einer der Kernpunkte unserer Weltanschauung. Seit At, dem großen Krieg, hat es keinen Krieg mehr auf Omega 5 gegeben, weder mit den Riesen, noch untereinander. Dies war möglich aufgrund des Bundes, der in Raat geschlossen wurde, und der in jedem Jahr erneuert wird. Die einzelnen Domra entscheiden souverän über ihr Gebiet, ihre Wirtschaft und ihre anderen Angelegenheiten, wobei sie sich dem Prinzip des öffentlichen Friedens verpflichtet fühlen. Es kommt natürlich auch bei uns immer wieder zu Streitigkeiten, zu Unrecht und Gier, wir kennen auch Formen von Unterdrückung, doch größere bewaffnete Kämpfe zwischen einzelnen Domra oder gar Ländern gibt es nicht. Es gibt daher auch kein Militär auf Omega 5, wir brauchen so etwas nicht. Natürlich gibt es aber Polizisten und Schutzpersonen.

Ohne die Riesen wäre dies alles nicht möglich. Vor unserer Zeitrechnung hat es auf Omega 5 Tyrannen gegeben wie den Grausamen Myrlon, der sich nach dem Kontinent Myr benannte und von dem in der Koda die Rede ist, ebenso wie auf einigen vorzeitlichen Inschriften. Die Riesen treten nur selten als Richter auf, es ist nicht notwendig. Es gab Jahrhunderte, in denen das anders war, in den ersten unserer Zeitrechnung zum Beispiel, aber auch später noch. Inzwischen kennen wir sie so gut, dass wir nichts tun wollen, was ihnen schadet. Da viele von uns einen Teil ihrer Kindheit in Iram verbringen, sind die Riesen für uns ein Teil der Familie. Sie kommen auch in unseren Nachrichten und in unseren Filmen vor.

Technisch sind wir nicht so weit entwickelt wie die Menschen, wohl auch, weil wir kein Militär haben. Unsere Maschinen sind nicht so präzise, unsere Rechner nicht so gut, einige unserer Fahrzeuge sind Autos vergleichbar, aber sie sind nicht so gut wie Autos, eine Weltraumtechnik haben wir nicht, Gentechnik auch nicht. Fernsehen haben wir, ebenso eine Art Internet. Energie beziehen wir aus elektrischem Strom, Kernkraft, Sonne, Wasser und Wind sowie aus Lanoka, einer ergiebigen ölhaltigen Frucht, die wir von den Feldern ernten und vielseitig anwenden. Ein Auto braucht bei uns nicht jede Familie, da es ein gut funktionierendes Taxisystem gibt. Auch Bahnstrecken gibt es und Schiffe natürlich. Dann haben wir noch ein Fortbewegungsmittel: die Schumra, das sind große Vögel, die einen Passagier oder zwei über weite Distanzen befördern.

Nun habe ich Dich ein ganzes Stück weit entführt in meine Welt. Möchtest Du noch mehr wissen? Findest Du interessant, was ich schreibe, soll ich weiterschreiben? Ich bin bereit, Dir alles zu erzählen, was ich weiß. Dabei darf ich nur nicht vergessen, dass ich mit einer Aufgabe betraut wurde. Es ist unbedingt notwendig, dass ich einen Weg finde, die omeganische Kultur auf der Erde vorzustellen und den Weg für einen Kulturaustausch vorzubereiten. Ich hoffe, dass Du der richtige Ansprechpartner für mein Anliegen bist."

- Eine Fantasie -

Jonas sprach in seinem Brief auch die Möglichkeit aus, die Geschichte im Internet auszustellen, doch gefiel mir die Idee nur zum Teil. Ich war mir nicht sicher. Nachdem ich den Brief gelesen hatte, vergingen einige Tage, in denen ich unschlüssig war darüber, was ich von Jonas und der Omega-5-Geschichte halten sollte. Die ganze Sache war absurd, eine Fantasie, und doch kam ich in Gedanken nicht los von dieser anderen Welt und ja, ich wollte noch mehr wissen, ich wollte, dass Jonas weiterschreibt.

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