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OMEGA 5
Roman von Anis Hamadeh
Erstes Kapitel

Einleitung  
Kapitel   1   2   3  
English Version  
Glossar  
Illustrationen  
Inhalt: Ein verschlossenes Buch - Schum-Vögel und Lemuren - Die 5 - Raat - Was wollte Jonas wirklich? - Der At - Gandor - In der Badewanne - Das Sternentor - Riesen unterwegs - 19-Uhr-Nachrichten - Tiokan und Themen - Am Tresen
- Ein verschlossenes Buch -

Jonas ging mir nicht aus dem Sinn und doch wusste ich nicht, wie ich auf ihn reagieren sollte. Der Verlockung, mehr über diese Welt zu erfahren, konnte ich kaum widerstehen. Zu ungewöhnlich waren die Fragmente, mit denen ich da konfrontiert wurde. Wie der kleine Junge auf dem Dachboden in Michael Endes Unendlicher Geschichte sah ich mich vor einem großen verschlossenen Buch hocken, mit den Fingern über den schweren Einband fahren und mich fragen, ob ich es öffnen und weiterlesen sollte. Irgendetwas hielt mich davon ab, eine leise Furcht, die ich nicht genau lokalisieren konnte.

So anregend Jonas' Geschichte auch war, dieser "Omeganer" war kein reiner Erzähler. Er schrieb offensichtlich unterhaltsam und kurzweilig, doch betonte er, dass es ihm nicht nur um das Amüsement ging, sondern dass er eine Art Mission zu erfüllen hatte. Dies war der Punkt, der mein Misstrauen weckte. Es gab da etwas, das Jonas sehr ernst nahm, das ich aber nicht verstehen konnte. Er konnte ja nicht wirklich im Sinn haben, die "Erdlinge" von der Realität von Omega 5 zu überzeugen. Welches Szenario sollte er da im Sinn haben? Dass der Bundeskanzler sich an die Nation wendet mit den Worten: "Liebe Bürgerinnen und Bürger, wir sind nicht allein"? Oder dass die Universitäten Omeganisch für Anfänger anbieten? Jonas hatte sich direkt mit der Bitte an mich gewandt, ihn in seiner Mission zu unterstützen. Ich fühlte mich unwohl bei diesem Gedanken, als würde er mich zu einem Komplizen machen wollen. Seltsam. Wovor hatte ich Angst? Davor, mich lächerlich zu machen, wenn ich mich einer solchen Traumwelt hingab? Nein, es war eher die Vermischung von Fantasie und Wirklichkeit, die ich fürchtete. Und so konnte ich die Sache auch nicht weitererzählen, selbst meinen engsten Freunden nicht. Wie hätte ich anfangen sollen? Was hätte ich sagen sollen? Doch damit wurde ich Jonas' Wunsch nicht gerecht, und ich hätte seiner Geschichte nicht mehr guten Gewissens zuhören können.

Riesen. Das war schon allerhand. Das Batuum-Fest. Leben, so lang wie ein Baum. Vieles klang nach paradiesischen Zuständen. Keine Kriege. Für einen Menschen nur schwer vorstellbar. Es klang nach einer Utopie, einer Idealisierung und nach Wunschdenken. Es klang einfach nicht real. Und das war lange nicht alles: Jonas sprach von einem Sternentor, durch das sein Geist gereist sei, davon, dass er sich nicht materialisieren könne, und dass er einen "Wirt" brauche. Er ließ seine Fantasien also nicht auf dem fernen Planeten, sondern verstrickte irdische Realitäten mit seinen Geschichten.

Es nützte nichts. Ich wollte mehr wissen über Omega 5. Warum, zum Beispiel, sollte sich ein Planet die Nummer fünf geben? Das fand ich überhaupt nicht einleuchtend. Und was waren das für Schum-Vögel, die die Omeganer transportierten? Es sollte auf Omega 5 doch auch sprechende Tiere geben, darüber hatte Jonas noch nichts Genaueres gesagt. Und wie mochte das Leben in Raat aussehen?

Ich entschloss mich, Jonas insofern entgegenzukommen, als ich über unsere Begegnung schreiben und es über Emails veröffentlichen würde. Ich ließ mich damit auf das Abenteuer ein, durch die Formulierung meiner Verzauberung ebenso wie der meiner Zweifel einen Rahmen zu schaffen, der es Jonas' Stimme ermöglichte, in einer freien Öffentlichkeit zu den Ohren zu gelangen, die für seine Erzählungen empfänglich waren. Dies war zwar mit Anstrengung verbunden, doch konnte ich dem Anliegen des Omeganers auf diese Weise gerecht werden, ohne mich dabei zu einer fantastischen Mission bekennen zu müssen oder sonstwie in den Verdacht zu kommen, kleine grüne Männchen zu sehen. Jonas war von dieser Idee sehr angetan, er schrieb:

- Schum-Vögel und Lemuren -

"Oraat, das ist genau Oraat, was Du da getan hast, lieber Anton, von hier aus gelangt man leicht zum Kern omeganischer Philosophie. "O", das bedeutet bei uns so viel wie "offen, öffentlich", und es ist gleichzeitig das Wort für "ich". Was Du getan hast, war, Dich mit allem Zuspruch und allem Zweifel der Kommunikation zu öffnen. Dies ist auf der Erde eher selten, bei uns ist es normal. Um Dir das zu erklären, brauche ich allerdings ein paar Seiten, das ist etwas umfangreicher, und ich möchte an dieser Stelle lieber nicht theoretisch werden.

Mit Begeisterung höre ich, dass Du unsere Begegnung und meine Berichte veröffentlichen möchtest. Das ist mehr, als ich zu hoffen wagte, und ich möchte Dich dafür für ein paar Viertelstunden nach Omega 5 entführen und Dir dabei einige Dinge erzählen, die Du nie für möglich gehalten hättest. Ich werde Dir von unserer Tierwelt berichten, für die Du Dich anscheinend interessierst, und zwar besonders von den Schum-Vögeln und von den Lemuren.

Die Schum-Vögel oder Schumra, mit der beritischen Pluralsilbe "ra", stammen aus Iram und sind eine Besonderheit auf Omega 5. Sie kommen bereits in vielen unserer Sagen vor und hätten die Evolution ohne die Hilfe der Riesen und später der Omeganer nicht überstanden, weil ihre Eier so groß und auffällig sind, dass die Vögel allein sie vor Raubtieren nicht schützen können. Die Schumra sind schneeweiß und ähneln Euren Schwänen. Ein Schum auf dem Zeigefinger eines Riesen ist so groß wie eine Taube im Vergleich zu einem Menschen oder Omeganer. Es gibt ein berühmtes Foto bei uns, das einen winkenden Omeganer auf dem Schum-Vogel zeigt, der auf dem Finger eines Riesen sitzt.

Die Riesen halten diese Vögel bis heute, ähnlich wie die Menschen Hühner oder Tauben halten. Für die Omeganer hingegen sind die Schumra so etwas wie bei den Indern die heiligen Kühe. Zu den Dingen, die es in fast jedem Dom gibt, gehört der Schumra-Hof, das ist eine Brut- und Neststation für die Vögel. Einige brüten selbst, die meisten aber legen ihre Eier ab und lassen sie in der Brutstation. Auch wenn die Tiere krank sind, kommen sie zum Hof, und zur Mauser.

Wir unsererseits nutzen die Schumra als Transportmittel. Wir legen Sattel, Fluganzug und Helm an und fliegen, wohin wir wollen. Das geschieht entweder so, dass wir die Tiere mit dem Ton einer besonderen Pfeife aus dem Himmel rufen oder so, dass wir beim Hof anrufen und fragen, ob ein Vogel zur Verfügung steht. Der Sattel ist so konstruiert, dass man nicht herausfallen kann. Damit der Vogel weiß, wohin die Reise geht, gibt man ihm Zeichen. Dazu gehören Zurufe, aber auch die Berührung bestimmter Punkte am Hals und Rücken des Tieres, mit denen man die Himmelsrichtung angeben kann. Geografische Kenntnisse sind allerdings notwendig, sonst verfliegt man sich leicht.

Der Personentransport auf Omega 5 ist relativ preiswert. Die Schumra sind kostenlos, haben aber ihre Tücken. Manchmal muss man lange warten, bis ein Vogel kommt. Mitunter gibt es auch Verständigungsprobleme oder der Vogel macht Station, um zu fressen. Das kann dauern. Es gibt auch Fälle, wo ein Schum sich weigert, loszufliegen, weil der Passagier zu hektisch ist oder zu unfreundlich. Außerdem stehen sie nicht das ganze Jahr über zur Verfügung, weil sie sich einmal im Jahr zur Mauser zurückziehen, meist auf den Höfen, die durch die Verarbeitung des abgelegten Federkleids eine Erwerbsmöglichkeit finden. Deshalb gibt es bei uns zusätzlich ein Bahnsystem, Taxis und Schiffe, und auch die Riesen tragen uns öfter mal spazieren.

In der Gründerzeit hat man sich in Raat darauf geeinigt, dass Kommunikation und Reisen keine besonderen Kosten verursachen sollen, weil so der Oraat, der öffentliche Frieden, am Besten zu halten war. Ansonsten gibt es bei uns durchaus eine Art Kapitalismus. Wir haben eine Währung und einen weitgehend freien Markt. Es gibt also auch Reiche und Arme bei uns, mit allen Problemen, die das mit sich bringt. Die Unterschiede sind aber nicht so gravierend wie auf der Erde, was mehrere Gründe hat.

Zum einen wird jede Transaktion und jede Steuersumme öffentlich registriert, ich kann also jederzeit nachsehen, wieviel mein Nachbar im letzten Jahr versteuert hat und welche Geldgeschäfte von mehr als 1000 Letra er getätigt hat. Zum anderen leben wir nicht zu einem solchen Grad im Konsumzwang und im Materialismus. Auch für einen Omeganer ist es schön, ein Haus zu haben, ein Auto, einen Swimming-Pool vielleicht sogar, ein Grundstück und eine Bibliothek, er mag gutes Essen und lange Feste, schöne Kleidung und Leute, die ihm die Arbeit abnehmen. All das führt ihn zum Kapitalismus. Er häuft Geld an wie in einer Vorratskammer, um es zur Verfügung zu haben. Doch denken Omeganer insgesamt anders als Menschen und haben andere Werte, streben auch nach anderen Dingen, Erfahrungen, Wissen, Verwirklichung, Entspannung. Die Reise- und Kommunikationsfreiheit begünstigt zudem die Alternativen zum Materialismus, denn die Welt steht bereits zur Verfügung und braucht nicht besessen zu werden.

Eines der auffälligsten Phänomene für mich beim Betrachten der Menschen war die Konsum-Idee und die Philosophie des Besitzes, die bei Euch vorherrscht. Die meisten von Euch sind der Ansicht, dass ein kapitalistisches System auf Wachstum und also Konsumzwang beruht. Zu diesem Schluss kommt man aber nur dann, wenn man die Welt als rein materiell betrachtet, als in Geld und in Zahlen messbar und darauf reduzierbar. Während diese Weltanschauung Euch zu wissenschaftlichen Revolutionen gebracht hat, die bei uns seit der offiziellen Entdeckung der Erde zu großer Anerkennung und Bewunderung geführt haben, sind die Schattenseiten dieser Politik bedenklich, wie Ihr ja auch selber findet, denn ich höre es hier ständig. Um Euch unser Wirtschaftssystem zu erklären, ist es nötig, Euch mit unseren Werten bekannt zu machen, und das bedeutet, etwas weiter auszuholen. Bleiben wir aber noch etwas bei den Tieren.

Ganz anders als bei den Menschen sind bei uns auch Tiere am Wirtschaftsprozess beteiligt, und zwar verdienen die Lemuren bei uns Geld. Es handelt sich dabei um Wesen, die kleinen Affen ähnlich sind und die über eine für Tiere ungewöhnliche Sprachfähigkeit und Intelligenz verfügen. Es gibt weitere Tierarten mit geringen Sprachfähigkeiten, doch folgen die mit erheblichem Abstand. Die Lemuren wohnen in Baumhäusern, meistens in den Wäldern, und haben eine beträchtliche Subkultur vorzuweisen. Sie leben in Familien und Großfamilien und haben eine Art Gemeindehaus sowie eigene Riten. Sie haben eigene Spiele von hoher Abstraktion und eine erstaunliche Fähigkeit, omeganische Kultur zu integrieren, zum Beispiel unsere Musik.

Anders als die Riesen und die Schum-Vögel gelten die Lemuren aber nicht als gutmütig, sondern als launisch. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber insgesamt sind die Lemuren ein bisschen unsere Sorgenkinder. Sie sind unentbehrlich für uns wegen ihres ausgezeichneten Geruchssinns und ihres Instinkts, denn sie sind in der Lage, vermisste Personen zu finden, bestimmte Heilpflanzen, die unter der Erde wachsen, sie kennen alle Süßwasserquellen der Umgebung und helfen jedem Verirrten zurück in die Zivilisation. Sie eignen sich auch hervorragend als Boten, als Wächter und als Jagdhelfer, da sie geschickt mit Speeren umgehen können. Auch auf den Feldern und in den Fabriken arbeiten zum Teil Lemuren.

Früher waren die Lemuren oft Haustiere der Omeganer und zum Teil sind sie das heute noch. Im Laufe der Jahrtausende entwickelte sich diese Spezies aber immer weiter, auch, weil die Omeganer damit begannen, sie zu trainieren. Dann gelang es uns, die Sprache der Lemuren zu dechiffrieren. Zwar konnten wir sie lautlich nicht nachahmen (wie umgekehrt), aber wir konnten sie verstehen. In der To-Epoche, einer der erfolgreichsten Epochen unserer Geschichte im fünften Jahrtausend, entwickelten wir eine Schrift für das inzwischen als Sprache geltende Lemurisch. So konnten wir kommunizieren. Aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit konnten die Lemuren für lange Zeit nicht schreiben. Im Maschinenzeitalter aber wurden Apparate hergestellt, mit denen sich das änderte. Heute bevorzugen sie Audiomitteilungen. Die Erfindung des Datenträgers und die des Telefons hat die Kultur der Lemuren stark beeinflusst. Eine Reihe von omeganischen Witzen beginnt mit dem Satz: "Geht ein Lemure ans Telefon..."

Das Problem mit den Lemuren ist ihre sprichwörtliche Undiszipliniertheit. Dies gilt nicht für die Arbeit, aber für ihren Lebensstil. Als Lemurisch als Sprache anerkannt wurde, hat das Parlament in Raat in Absprache mit den Riesen das Lemuren-Gleichstellungs-Gesetz verabschiedet, nach dem die Arbeit von Lemuren mit einem Lohn zu vergüten war, der zwar unter den Omeganertarifen lag, aber als angemessen akzeptiert wurde. Dies war verbunden mit der Gerichtsbarkeit der Affen. Insgesamt ist gegen dieses Gesetz auch nichts einzuwenden, und die Lemuren zeigten sich sehr dankbar und freundlich, allerdings hatten viele von ihnen Schwierigkeiten damit, mit dem erworbenen Geld umzugehen. So stellten unsere Wissenschaftler fünfzig Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes eine erschreckende Zahl von alkohol- und sonstwie drogenabhängigen Lemuren fest und damit verbunden eine Steigerung der Gewalt- und Straftaten. Auch verschuldeten sich viele Lemuren maßlos, weil sie große Summen beim Rubinon, einer Art Würfelspiel, verspielten.

Über das Verhältnis der Omeganer zu ihrer - von der menschlichen doch recht verschiedenen - Tierwelt gibt es eine ganze Bibliothek von Büchern und anderen Medien. So schrieb der latunische Dichter Brak schon vor vielen tausend Jahren ein "Buch der Tiere", in dem er alle Verse, Lieder, Anekdoten und Geschichten überlieferte, die es auf Omega 5 über die Tiere gab, und jedem Tier ist ein Kapitel gewidmet. Die Schumra zum Beispiel sind nicht die einzigen Großtiere aus Iram. Während die meisten Großraubtiere auf dem Hochplateau ausgestorben sind, haben zum Beispiel einige Großfisch-Arten überlebt und bevölkern heute sogar die Weltmeere.

- Die 5 -

Du hattest außerdem gefragt, woher die 5 kommt aus "Omega 5", und wie das Leben in Raat aussieht. Zunächst zu der 5. Wie Dir aufgefallen sein wird, unterscheide ich zwischen den Omeganern und den Riesen, obwohl die ja auch auf Omega 5 leben. Die Riesen aber bestehen darauf, nicht ursprünglich von Omega 5 zu sein, sondern von Omega. In der Riesensprache bedeutete dies "Offenheit; Ich" (O), "Alles" (me) "Körper; Riese" (ga), was salopp übersetzt wahrscheinlich "Mein Heimatplanet" bedeutet. Es gibt allerdings zahlreiche gleichberechtigte Hypothesen über die Urbedeutung des Wortes, sodass "Omega" eigentlich alles Mögliche bedeuten könnte. Heute nennen sich die Riesen nur "Riesen" (Gara), während wir uns "Omega 5er" nennen, Omega ma kara, was im Sprachgebrauch zu Makara verkürzt wird, also eigentlich "Fünfer". Die Koda sagt dazu, dass es einen alten Schöpfungsmythos gibt, in dem ein Schiff vorkommt, das eine Anzahl von Riesen zum Planeten gebracht hat und dann weitergeflogen ist. Diese Riesen, die nur einen Teil des Volks der Riesen ausmachten, verloren der Sage nach ihr Gedächtnis beim Sturz auf den Planeten. Nur eines hatten sie nicht vergessen: "Omega Ma", Omega 5.

Die meisten Planeten unseres Sonnensystems heißen Omega. Dies gehört für uns zu den Rätseln der Omeganerheit. Natürlich gehen wir davon aus, dass die anderen Planeten ebenfalls bewohnt sind oder zumindest waren, aber wir haben nicht die technischen Mittel, um das herauszufinden. Und wir haben auch nie wieder etwas von den anderen Planeten gehört. Wenn wir menschliches Know-How hätten, würde das unsere Welt vielleicht schnell sehr verändern. Wir würden sofort zu den Planeten Omega bis Omega 4 fliegen und uns Gewissheit verschaffen können. Besonders die Riesen würden sehr viel dafür geben. Aber einen solchen Ehrgeiz wie die Erdlinge haben wir nicht, nicht bei technischen Dingen. Satelliten sind das Äußerste, zu dem wir in dieser Hinsicht vorläufig fähig sind. Und durch das Sternentor ist einfach kein Kontakt herzustellen, obwohl wir es versuchen und versuchen. Jedoch leben wir in der Gewissheit, dass wir irgendwann zu unseren Wurzeln zurückfinden können, und es herrscht bei vielen von uns ein Gefühl vor, wie es manche Deutsche vor dem Fall der Mauer gespürt haben mögen: eine Vorstellung, dass die Dinge wieder zusammenfinden.

Leider wissen wir überhaupt nichts über die Entfernung von Omega 5 zur Erde oder über die relative Position unserer Planeten zueinander. Es könnten gigantische Distanzen zwischen uns liegen, die kein Raumschiff je durchmessen kann. Vielleicht aber liegen wir auch im Empfangsbereich Eurer Teleskope.

- Raat -

Zum Leben in Raat gibt es natürlich viel zu erzählen. Wo soll ich da anfangen? Es ist unsere Hauptstadt. Die Architektur in Raat fällt besonders auf, weil sich hier die Riesen sehr beteiligt haben, die eine unschätzbare Arbeitserleichterung sind, wie man sich leicht vorstellen kann. Hochhäuser von der Art, wie es sie auf der Ede gibt, findet man fast nur in Raat. Dort ist es wichtig, Platz zu sparen, weil Raat eine Metropole ist. Mit den Grundstückspreisen, wie auf der Erde, hat das aber wenig zu tun. Unser Baustil ist ein wenig wie eine Mischung aus japanischem und römischem Stil. Die Anmut und Funktionalität des Japanischen gepaart mit dem würdevoll Großen der Römer. Die bunten und verzierten Verkachelungen, für die die Stadt berühmt ist, erinnern wiederum an arabische, persische oder türkische Techniken und werden vielerorts kopiert und weitergeführt.

Das Klima in Raat ist wie im südlichen Mittelmeerraum. In dieser Stadt wird der gesamte Planet verwaltet und alle Fäden führen hier zusammen. Moden entstehen in Raat. Alle größeren Messen finden hier statt. Neue Systeme werden hier ausprobiert, die Medien haben hier ihre Zentrale, ebenso wie Interessenvertretungen aller Art, das oberste Gericht hat hier seinen Sitz, es ist eine ganz eigene Welt. Kaum jemand lebt sein ganzes Leben dort, es ist zu hektisch und zu laut. Aber jeder möchte einmal dorthin. Wenn der Delegierte eines Dom für sieben Jahre in Raat bleibt, ist das bereits überdurchschnittlich.

Aber die Stadt hat auch andere Seiten. Zum Beispiel das Nachtleben, von dem geschwärmt wird, die Vergnügungsviertel und die Parks. Und zentrale Bildungseinrichtungen. In Raat haben die meisten Leute ein Auto. Andernorts hat im Durchschnitt nur etwa jeder siebte ein Auto. In Raat gibt es alle Ersatzteile, Mechaniker, und was man sonst noch braucht. Die Läden haben ein sehr großes Angebot, das fällt auf, wenn man von außen kommt. Man könnte sagen, dass die Zentren der einzelnen Domra die Ordnung von Raat im Kleinen nachahmen, wobei sich diese Ordnung oft in unserer Geschichte ändert.

Manchmal hört man in Raat ein leichtes rhythmisches Beben. Dann weiß man, dass sich einer der Riesen nähert, vielleicht, um im Nil zu baden. Der Fluss, an dem Raat liegt, heißt Nil, genau wie in Ägypten. Vom Berg Iram, der etwa zehn Mal so hoch ist wie ein Riese, führen Treppen nach oben, beziehungsweise unten, mit großen Stufen für die Riesen und kleinen für die Omeganer.

Mit einem persönlichen Wort möchte ich meinen heutigen Bericht beenden. Ich bin sehr froh über die Möglichkeit einer Veröffentlichung. Vor zwei Jahren herrschte in Raat nämlich die Meinung vor, dass es derzeit nicht möglich sei, die Menschen von unserer Existenz zu überzeugen. Man sagte dort, es läge daran, dass wir uns auf der Erde nicht materialisieren können, die Menschen aber heute die Begriffe "Existenz" und "Materie" als etwa gleichbedeutend verstehen würden. Ohne mich hier über die Maßen anbiedern zu wollen, möchte ich doch zum Ausdruck bringen, dass ich dies damals schon für ein Vorurteil hielt und vehement kritisierte. Ich konnte den Grund nicht sehen, warum man mit den Menschen nicht reden sollte. Zumal, wenn wir Übereinstimmungen gefunden hatten, die unsere neugierigen Gemüter dazu herausforderten, weiter nach ihnen zu forschen."

- Was wollte Jonas wirklich? -

Das Geräusch prasselnden Regens holte mich aus dem Schlaf. Ich hatte das Fenster nicht geschlossen. Es war fast zwei Uhr nachts. Ich schaltete den Rechner an, schloss das Fenster und rauchte eine Zigarette. "Von unserer Existenz überzeugen." Diesem Satz hing ich nach. Was wollte Jonas wirklich? Plötzlich war da ein Wunsch in mir, Widersprüche in seiner Rede zu finden. Hatte er nicht zuerst gesagt, er sei geschickt worden, weil die Omeganer die Zeit für reif hielten? Jetzt schrieb er, dass die Meinung vorherrschte, man könne derzeit keine Verständigung mit den Erdlingen finden. Seltsam.

Das politische System auf Omega 5 schien mir abwegig. Es baute doch letztlich auf einer Idee von Goodwill auf, die man zwar in jeder durchschnittlichen Utopie fand, die aber nicht haltbar war. Der Mensch war faul, feige und korrupt, warum sollte der Omeganer anders sein? Und war es nicht eine große Einschränkung, wenn sich keine Städte bilden durften? Wie sollte das geregelt werden? Gesellschaften entwickeln sich chaotisch, und gerade die Bildung von Metropolen schien mir eine gesellschaftliche Konstante zu sein. Für ein paar Minuten war ich enttäuscht von Jonas, davon, dass sein schönes Märchen fadenscheinig war.

Oraat, Frieden durch Öffentlichkeit. Was für eine Philosophie mochte sich dahinter verstecken? Ich zog an der Zigarette und bildete mir ein, einen großen Gedanken erahnen zu können. Eine Vorstellung, dass der Mangel an Verborgenem das Angstdenken unnötig machte, das es bei uns Menschen gab. Ich wollte Jonas, diesem Unbekannten, auf die Spur, ja, auf die Schliche kommen. Seine Fantasien provozierten mich auf einmal. Er dachte sich Namen und Wörter aus, die er mir ins Bewusstsein und ins Gedächtnis setzte. Ich schloss die Augen und sah einen Riesen die Straße entlang trampeln, der einen Däumling im Ohr hatte und aufpassen musste, dass er keine Omeganer platt trat.

Meine Freunde indes lasen die Mails, die ich zusammenstellte, um diese Begegnung festzuhalten, und die Resonanz war gut. Literarisch gesehen sei die Omega-5-Geschichte okay, wurde mir bestätigt, formal sowie inhaltlich. Ob es Jonas wirklich gebe, wurde ich gefragt, und ich sagte Ja, was aber nicht viel bedeutete, da es die wichtigere Frage aussparte, ob Jonas nämlich die Wahrheit sagte. Diese Frage wurde nicht gestellt. Ich hatte sie auch nicht erwartet. Was aber, so kam es mir in den Sinn, wenn es wirklich Außerirdische gab? Wenn man sich vorstellte, dass es da draußen intelligentes Leben gab, das mit uns kommunizieren wollte. Einfach so. Warum mussten sie denn mit einem Raumschiff landen, sie könnten ja auch einen Weg finden so wie Jonas. Dann allerdings könnte Jonas auch die Wahrheit sagen. Die Begegnung mit dem Außerirdischen war wirklich ein Klischee, da hatte Jonas Recht. Sie wurde in so vielen Filmen thematisiert, dass die tatsächliche erste Begegnung wahrscheinlich von niemandem ernst genommen werden würde, der von ihr hörte, ohne sie selbst miterlebt zu haben. Die Antwort des Omeganers kam prompt:

- Der At -

"Riesen trampeln nicht, sie sind im Gegenteil sehr graziös in ihren Bewegungen. Und haben übrigens auch Humor. Außerdem ist die Schwerkraft bei uns um ein Leichtes geringer. Der Boden zittert zwar unter ihren Schritten, aber man darf sich die Riesen keineswegs als plump vorstellen. Eher schon als archaisch. Es war eine unwahrscheinliche Leistung Taohs, die doch so unterschiedlichen Mentalitäten von Gara und Makara kulturell zu einer Synthese zu bringen, bis er ihre beiden Sprachen schließlich zu einer machte. Taoh wurde 1600 Jahre alt und die Koda entstand in den letzten dreihundert Jahren seines Lebens, das er zu einem Teil bei den Riesen verbrachte.

Es ist wichtig, auf die Wurzeln unserer Kultur hinzuweisen, denn hier liegen die Ursachen für unser heutiges Bewusstsein. Bitte sei nicht so ungeduldig und gib der Sache eine Chance. Versteh uns bitte von Innen her, nicht aus dem Rahmen dessen heraus, was Du für wichtig und für richtig hältst. Es ist nicht möglich, Dir auf wenigen Seiten zu erzählen, was Omega 5 ist. Ich komme gern auf alle Fragen zurück, die Du im Sinn hast, nach und nach.

Taohs Verschmelzung zweier Urkulturen hatte einen Bewusstseinssprung zur Folge, der von Taoh selbst vor-erlebt wurde und sich dann auf die späteren Generationen übertrug. Vor der Koda und sogar vor dem großen Krieg hatten die Omeganer Angst vor den Riesen und projizierten alles Übel, das sie sich vorstellen konnten, auf die Gara. Die früh-targische Textüberlieferung lässt da gar keinen Raum für Zweifel. Die Riesen wurden für Naturkatastrophen verantwortlich gemacht, für schlechte Ernten, Krankheit, für alles eben. Generationenlang ging das so. Die Riesen galten zunehmend als böse und als dumm. Da die Ur-Targen ständig Angst davor hatten, angegriffen zu werden, dachten sie sich Waffen aus, die sie gegen die bösen Gara verwenden konnten. Fallen wurden konstruiert, Gifte entwickelt und Brennstoffe. Schließlich sandte man Spähtruppen nach Iram aus, die dort geheime Lager errichteten und die Riesen beobachteten.

Die Riesen ihrerseits hatten seit der ersten Begegnung die Existenz der Omeganer akzeptiert. Sie schienen allerdings nicht viel mit ihnen anfangen zu können. Die Gara kamen in den Jahren bis zum Krieg nur selten von ihrem Berg herunter. Sie waren durchaus neugierig, vor allem, als die Targen den berühmten Turm bauten, der an seiner ursprünglichen Stelle bei Raat wieder aufgebaut worden ist. Er ist um einen Kopf größer als die Riesen, und man geht heute davon aus, dass die Idee zum Bau des Turms einer Art Minderwertigkeitsgefühl und einem unkontrollierten Bedürfnis nach Aufmerksamkeit entsprungen war.

Als die Riesen aber vom Berg kamen, um dieses Werk aus der Nähe zu betrachten, töteten sie aus Versehen - und wahrscheinlich, ohne es überhaupt zu merken - einige Omeganer. Dies, so die Koda, sahen die Omeganer als den Kriegsbeginn und die Kriegsursache an. Die Riesen spürten, dass etwas nicht in Ordnung war und hielten sich von den Omeganern fern, was diese als Schuldgeständnis werteten. Als dann noch drei omeganische Soldaten ums Leben kamen, die unbemerkt in den Hütten und Höhlen der Riesen spioniert hatten, entschloss man sich zu einer blutigen Tat und lockte Jorub, einen der Riesen, in eine Falle. Mit Hilfe eines ganzen Heeres wurde dieser auf bestialische Weise getötet. Da erkannten die Riesen die Gefahr, die von den kleinen Omeganern ausgehen konnte.

Die Gara verstanden nicht, warum Jorub so grausam sterben musste, aber sie verstanden, dass die Omeganer es so gewollt hatten. Die Koda sagt an dieser Stelle: "Und alle Riesen schlugen sich vor Trauer auf den Kopf, bis sie müde waren. Am nächsten Tag aber verließen sie Iram und strömten in alle Himmelsrichtungen aus, um die Omeganer zu töten. Alle Dörfer, die sie finden konnten, zerstörten sie unter ihren mächtigen Stiefeln und die Omeganer mussten ihre Hütten aufgeben und in den Wäldern und in Erdlöchern Zuflucht finden. Hunderttausende starben und alles, was die Omeganer besessen hatten, verloren sie. Systematisch suchten die Riesen die Flüsse von Targos ab, an denen die Omeganer gesiedelt hatten."

Die Omeganer aber (die sich damals noch nicht so nannten) waren schlau. Sie fanden Verstecke und konnten als Art überleben. Das war At, der große Krieg. Er fand seine Opfer auf beiden Seiten und bestimmte das Leben für jeden auf dem Planeten. Der Krieg brachte Gara und Makara zusammen, wenn auch auf eine brutale Weise. Nach zweihundert Jahren kannten sich die Feinde so weit, dass sie eine Art Kommunikation entwickelten. Man fand Arten, einen Waffenstillstand zu signalisieren und einzuhalten. Damit war der At beendet, das Misstrauen aber nicht überwunden. Man einigte sich darauf, dass die Omeganer in Iram nichts zu suchen hatten und dass die Riesen ihren Berg nicht verließen.

Daran hielten sich alle, außer Taoh. Der stieg hundert Jahre nach Kriegsende, im Alter von 1200 Jahren, auf den Berg. Allein und ohne Furcht. Anders als die Omeganer werden die Riesen nur so alt wie Menschen, sogar etwas weniger. Mehrere Generationen lang lebte Taoh bei den Riesen und studierte ihr Leben. Er lernte ihre Sprache und zeigte den Gara die Herstellung verschiedener Alltagsgegenstände, die das Leben vereinfachten.

Am Ende seines Lebens erreichte Taoh den Zustand des Miana, was wörtlich "Ko-Bewusstsein" heißt und schwer zu übersetzen ist. Es geht um die Synthese von eigenständigen Systemen. Er schrieb die Koda und brachte den Riesen, besonders den jungen, mit Hilfe des Buches Berit bei. Als dies gelungen war, stieg Taoh vom Berg. Die Omeganer hatten inzwischen von der Koda gehört und es zirkulierten einige Abschriften unter den Meditatoren, zu denen Taoh den Kontakt wieder hergestellt hatte. Besonders Rima und seine Schule interessierten sich für die Synthese. Seit Jahrhunderten hatten die Omeganer in Angst gelebt, sich versteckt und eine Kriegermentalität ausgebildet. Man dachte sehnsüchtig daran zurück, wie es in der Zeit vor dem At gewesen war. Man sehnte sich nach Ra, dem Frieden, konnte aber dem Zustand At nicht wirklich entkommen, denn diese Hunderttausende waren gestorben und was sollte danach noch kommen können? Wie sollte man da jemals zu einem Frieden kommen können?

Taohs langes Leben ging zu Ende. Das Buch lag nun bei seinem Schüler Rima, der das Werk fortführte. Ihm ist zu verdanken, dass sich die Koda, der man in der Anfangsphase mehr als skeptisch gegenüberstand, und damit die Sprache Berit unter den Omeganern durchsetzte. Die Errichtung Raats habe ich in diesem Zusammenhang bereits erwähnt.

Etwas Vergleichbares hat auf der Erde niemals stattgefunden, deshalb wirst Du Dir kaum vorstellen können, was die Philosophie von Oraat, Miraat und Miana bewirkte. Man muss es wohl erlebt haben, um es zu verstehen. Psychologisch gesehen hatte Taoh mit seinem Buch das geschafft, was die Omeganer mit ihrem Turm nicht geschafft hatten: Er wurde von den Riesen wahrgenommen und respektiert. Inhaltlich sowie sekundär durch die Einführung der neuen Sprache veränderte sich das Bewusstsein der Riesen fast schlagartig und sie blickten voller Bewunderung und Dankbarkeit auf ihren kleinen Freund. Sie sahen die Omeganer jetzt mit ganz anderen Augen. Während der Lebenszeit von Rima kehrte sich das Verhältnis der beiden ungleichen Völker dann ganz zum Guten.

Für die Riesen hatte die Koda höchste Autorität und sie akzeptierten Rima als Nachfolger ihres "Freundes", wie sie Taoh zu nennen pflegten. So wie sie in der Zeit des At die Siedlungen der Omeganer zerstört hatten, so halfen sie ihnen jetzt dabei, neue Dörfer, ein Straßensystem und die Metropole Raat neu aufzubauen. Und die Omeganer hatten aufgrund der neuen gemeinsamen Sprache, die sich gleichzeitig mit der Errichtung von Raat auf dem ganzen Planeten als Schrift- und zunehmend auch als Umgangssprache durchsetzte, Gelegenheit bekommen, sich zu revanchieren. Die Riesen liebten die Wissenschaften und die Künste, seit sie das Buch hüteten, und hier hatten die Omeganer viel zu bieten.

Im Laufe der Jahrhunderte erst merkte man, welchen großen Vorteil der Miraat, der aktive Frieden mit den Riesen, hatte: Es gab keine Kriege mehr. Untereinander nämlich stritten die Riesen niemals. Sie hatten - ganz anders übrigens als die Omeganer - keinerlei Ambitionen, Macht auf Andere auszuüben. Die Entdeckung dieser Tatsache im Sozialverhalten der Gara führte unter den Makara Jahrhunderte lang zu Schuldgefühlen, weil ihnen klar wurde, dass ihre traditionelle Vorstellung von den Riesen bösartig und falsch gewesen war. An diesem Punkt in unserer Geschichte lernten wir, dass unsere höhere Intelligenz nicht bedeutete, dass wir den Riesen überlegen waren. Bereits Taoh machte klar, dass es die Riesen waren, deren Mentalität ihn wesentlich zur Philosophie des Miana, der Synthese, inspiriert hatte. Es dauerte lange, bis die Omeganer sich verzeihen konnten, was sie getan hatten, und das galt auch für die Meditatoren, die wegen ihres Alters im Allgemeinen eine hohe moralische Instanz für uns darstellen. Die Riesen konnten den Krieg, bei dem Hunderte, wenn nicht Tausende ihres Volkes durch Fallen, Giftpfeile und Krankheiten starben, schneller überwinden.

- Gandor -

Die Überwindung von At kann man auf das Jahr 1 datieren, als der Bund zwischen Gara und Makara in Raat geschlossen wurde. Für viele gilt aber erst das Jahr 853 als Stichdatum, als die Herrschaft von Gandor gebrochen wurde, einem machthungrigen Meditator, der auf dem ganzen Planeten seine Schule propagiert hatte, die von der Überlegenheit der Makara ausging und vom archaischen Konflikt mit den Gara sprach, der unvermeidlich wieder aufbrechen würde, wofür man gerüstet sein müsse. Diese Bewegung lehnte Oraat ab und arbeitete im Öffentlichen wie im Geheimen. Seit Anfang des neunten Jahrhunderts begannen seine Leute, verschiedene Domra zum Aufruhr zu bringen. Korruption spielte dabei eine große Rolle. Man versuchte, die Riesen zu provozieren, um ihnen später Gewalt anlasten zu können. Gandors Schergen sprachen von einer Verschwörung und davon, dass Raat in Wirklichkeit von den Riesen kontrolliert würde. Sie traten ein für die "Unabhängigkeit" der Omeganer von den Riesen und sie schrieben in einer Sprache, die sie aus dem Alt-Targischen entwickelt hatten.

853 brach der Konflikt auf allen drei Kontinenten, besonders in Targos, aus. Bereits in den Jahren und Jahrzehnten zuvor hatte es vereinzelte Erhebungen gegeben. Eins ums andere Dom bekam nun zu spüren, was sich im Geheimen über eine lange Zeit angesammelt hatte. Anfang des Jahres gab es zudem einen Korruptionsskandal in Raat, den die Gandorianer geschickt politisch zu nutzen wussten. Raat geriet in Misskredit und Länderfürsten betraten die weltpolitische Szene, die nur auf ihre Stunde gewartet hatten. Alles ging sehr plötzlich. Die Riesen mischten sich zunächst nicht ein, weil das den Vorwurf der Kontrolle nur bekräftigt hätte. Auch als das Parlament in Raat offiziell um die Hilfe der Riesen bei der Niederschlagung der Aufstände gebeten hatte, blieben diese zunächst stumm und zogen sich zur Beratung zurück.

Gegen Mitte des Jahres dann ließen die Riesen ein Schreiben in jedem Dom verbreiten, in dem die Gandorianer völlig überraschend aufgefordert wurden, die Delegierten in Raat abzulösen, welche in ihre Domra zurückkehren sollten. Wenn die gandorianische Lehre mehr ausrichten könne als die Koda, dann würde man es schnell sehen können. Die Gandorianer reagierten zuerst verwirrt. Es sei ein Trick, ließ Gandor verbreiten, doch sein Fußvolk drängte den Meditator, die Macht anzunehmen und in Raat einzuziehen. Genau drei Monate dauerte die Regentschaft der Gandorianer, denn ihre Grundthese, dass es einen unüberbrückbaren Konflikt zwischen Gara und Makara gebe, war von den Riesen ausgehebelt worden. Diese zogen sich nach Iram zurück und verließen den Berg nicht mehr. Viele Bauprojekte blieben liegen. Gandor gelang es nicht, die neue alte Sprache zu etablieren, und seine Leute in Raat hatten nicht die nötige Disziplin, um die Verwaltung zu führen. Waldbrände zerstörten drei Domra, und es waren keine Riesen da, die sie mit Hilfe einer simplen Gießkanne innerhalb von wenigen Sekunden löschten. Stattdessen wurden Streitigkeiten und Machtkämpfe in Raat ausgetragen, von dem Tag an, als die Gandorianer dort eingezogen waren.

Der Machtwechsel in Raat hatte zudem den Effekt, dass sich die Führung der Gandorianer, die zuvor von den Domra und den Provinzen aus gewirkt hatte, in der Stadt sammelte und sich also zu einem erheblichen Teil isolierte und fassbar wurde. Gegenbewegungen in den einzelnen Domra wurden dadurch begünstigt. Schon am Ende des Jahres hatte Gandor ein nicht zu übersehendes Chaos geschaffen und die Riesen ließen in jedem Dom eine Befragung durchführen, die zum Ziel hatte herauszufinden, ob die Omeganer wünschten, dass a) die Gandorianer so weitermachten (diese Antwort erhielt 7 % der Stimmen), b) der Zustand von vor 853 wiederhergestellt würde (13 %) oder c) der Zustand von vor 853 wiederhergestellt würde, wobei die Gandorianer für die Dauer von 20 Jahren ins Exil nach Iram geschickt werden sollten (80 %). Als Gandor und seine Leute sich weigerten, Raat zu räumen, belagerten die Riesen die Stadt, wofür etwa sechzehn Riesen notwendig waren. Sie ließen alle Händler und sonstigen Suamra aus Raat abziehen und stellten ein Ultimatum. Gandor hatte kaum noch Unterstützung in den Provinzen und musste sich ergeben. Doch auch er war nach 20 Jahren wieder frei. Eine geringe Strafe, wenn man bedenkt, dass ein Jahr bei uns nur 335 Tage hat und die Lebenserwartung so hoch ist.

Auch später noch in unserer langen Geschichte hat es ähnliche Versuche gegeben, Machtmonopole zu schaffen, und dies ist eine Gefahr, die unsere Politiker und die Bevölkerung sich bis heute ständig vor Augen halten müssen. Zu unserem Kulturerbe gehört eine stets aktuelle politische Schrift mit dem Titel: "Von der Misslichkeit, Monopole nur durch ein Monopol verhindern zu können". Die facettenreiche Geschichte von Gandor und seinem Scheitern, die ich hier skizziert habe, wird in unserer Öffentlichkeit immer wieder herangezogen, wenn es um die Frage nach der politischen Herrschaft geht. Städte übrigens gibt es bei uns durchaus, doch vermeiden wir Ballungszentren, sobald sie ein Ungleichgewicht herstellen.

Ich würde Dir auch mehr erzählen, doch möchte ich Dich nicht langweilen mit Dingen, die Du für Lügengeschichten hältst, Dich auch nicht infizieren mit fremdartigen Wörtern, die ich Dir in den Kopf setze, wie Du es formuliert hast. Wenn Du Dich also aus der Sache lieber heraushalten möchtest, dann steht Dir das frei. Ich werde einfach mit den Berichten fortfahren und mir die Person als Leser vorstellen, die ich mir wünsche. Man würde sonst vielleicht Verbissenheit in meinen Sätzen feststellen können, einen Schatten, der mit den Geschichten mitwandert und der auf die entgegengebrachte Skepsis hereinfällt, so wie die Gandorianer sich gewünscht hatten, dass man auf ihre Skepsis hereinfällt. Fürs Erste muss ich gehen, denn mein Medium ist erschöpft. Ich komme später wieder."

- In der Badewanne -

Ich begann zu verstehen, was Jonas meinte, als er eingangs von der Zerbrechlichkeit der Reisenden gesprochen hatte. Natürlich konnte ich mich nach diesen Worten nicht einfach so aus der Sache herausziehen. Und langweilig war es schon gar nicht. Nur bestand die Gefahr, dass ich meinerseits auf die mir entgegengebrachte Skepsis hereinfiel, so wie die Gandorianer es sich gewünscht haben mochten. Die Frage war also, was ich selbst wollte. Auf jeden Fall wollte ich mehr von Omega 5 hören und das stand ja auch in Aussicht.

Ich lag in der Badewanne und hörte "Walks and Bridges" und "Mind Games" von John Lennon. Die omeganische Philosophie war durchaus interessant. Miana, Ko-Bewusstsein und Synthese. Ich fragte mich, was John von der Sache gehalten hätte. Wenn es Wesen gab, die 1600 Jahre alt wurden, dann musste das Geschichtsverständnis in dieser Welt ganz anders sein. Wenn die Omeganer heute im Jahre 7730 lebten, dann wären das nur knapp fünf Lebensalter für Meditatoren.

Nein, ich wollte die Geschichte nicht verlassen. Ich schrieb Jonas allerdings, dass ich mehr über das Sternentor und die Geister hören wollte, denn wenn ich es auch bestimmt nicht glauben konnte, so brauchte ich zumindest eine Vorstellung davon, worum es dabei überhaupt ging. Außerdem wollte ich wissen, wie sich die Riesen fortbewegten, wenn sie zu jedem Punkt des Planeten gelangen konnten.

- Das Sternentor -

"Das Sternentor ist ein Kanal, durch den der Geist in andere Welten reisen kann. Es ist kein materielles Tor, das man fotografieren könnte, sondern ein spirituelles. Dennoch hat es eine reale Existenz. Als ich von Raat aus herkam, geschah das dadurch, dass ich mich mit Hilfe einer Gruppe von Meditatoren, Spiritisten und Tänzern in Tieftrance versetzen ließ. Bei dieser Technik, die auf der Erde bekannt, aber marginalisiert ist, trennt sich der Geist vom Körper, ähnlich wie im Schlaf. Die Erforschung von Bewusstseinszuständen ist auf Omega 5 ein zentraler Wissenschaftszweig.

Beide, Omeganer und Menschen, versuchen sich jeweils selbst zu verstehen. Besonders versuchen sie, das Gehirn zu verstehen. Die Menschen haben den Weg der Technik gewählt, der ihnen viele Geheimnisse der Welt erklärte und der offensichtlich zu Erfolgen führte, man denke an die Computer- und Gentechnik. Der Mensch enträtselt sich technisch und der Computer ist der Versuch, sein Gehirn nachzubauen. Was man nachbauen kann, das hat man verstanden. Die Omeganer hingegen haben einen anderen Begriff von Fortschritt. Auch sie wollen sich selbst verstehen, auch sie bauen sich selbst nach, doch nicht in diesem Maß mit Apparaten. Das Bewusstsein, das O, hat ein stärkeres Gewicht, und so gibt es bei uns eine ausgeprägte Traum- und Trance-Forschung und insgesamt einen Schwerpunkt auf die kognitiven und psychologischen Wissenschaften.

Wenn sich die Menschen den Weltraum vorstellen, denken oder hoffen sie meistens, dass außerirdisches Leben technisch höher entwickelt ist. Die Menschen suchen eher nach Maschinen als nach Leben. Wahrscheinlich deshalb, weil sie selbst mit Maschinen in den Weltraum gelangen. Deshalb sagt man auch "Science Fiction", und nicht "Alien Fiction" oder dergleichen. Wenn die Außerirdischen nicht in imposanten Fahrzeugen erscheinen, dann sind die Menschen enttäuscht. Was, die haben nicht mal Mikro-Chips? Und keine Warp-Geschwindigkeit? Dies etwa ist das Szenario, in das ein Omeganer gerät, der mit der Erde Kontakt aufnehmen will. Ein Omeganer vielleicht, der 122 Jahre alt ist, älter als irgendein Mensch, und der möglicherweise seine eigene "Science" hat und darüber hinaus noch ein Ehrgefühl...

Wie man erkennen kann, hatte ich auf der Erde bereits die Gelegenheit, einige schlechte Erfahrungen zu machen. Um aber auf das Sternentor zurückzukommen: Es gibt Kanäle, durch die der eigene Geist reisen kann. Die Erfahrungswerte in Informationswerte umzuwandeln gehört zu den Hauptaufgaben der Bewusstseinsforschung auf Omega 5. Das Sternentor war Taoh bereits bekannt, doch wissenschaftlich fassbar wurde es erst Jahrtausende später, als die Fülle der möglichen emotionalen und Bewusstseinszustände erfasst und analysiert war. Wir fanden einen Pfad zu diesem Tor, der über mehrere Zustände führt, und wir lernten, diese Zustände herbeizuführen und zu kontrollieren. Auf ablenkende Details verzichte ich hier, allerdings braucht man sehr viel Übung und Vorkenntnisse, um zum Sternentor zu gelangen. Es sei denn, natürlich, man findet das Tor durch Zufall. Das geschieht auch, nur ist man in diesem Fall nicht darauf vorbereitet und kann es nicht so tief erleben, vergisst es vielleicht gleich wieder. Mich hat unter anderen Kara trainiert, meine Meditatorin. Vor neunzig Jahren habe ich mich zum ersten Mal damit beschäftigt.

Wenn ich durch das Sternentor reise, sind wesentliche Teile meines Bewusstseins aktiv. Deshalb kann ich auf der Erde überhaupt wirken. Bei niedrigerem Bewusstsein, wie zum Beispiel bei zufälligen, unbeabsichtigten Reisen im Traum oder in Trance, kann man meist nur beobachten und zuhören, aber nicht selbst bemerkt werden. All dies ist bei uns Wissenschaft, ich kann nicht oft genug betonen, dass es sich hierbei um ernsthafte Arbeit handelt. Beim Eintritt in das Sternentor spürt man einen leichten Sog, in den man sich fallen lässt. Man hat das Gefühl, sehr schnell zu fallen, bevor die Selbstwahrnehmung ausfällt. Die Reise selbst ist keine Frage der Zeit. Zeit, Raum und Bewegung sind keine sinnvollen Parameter, wenn man von Omega 5 zur Erde reist. Eine technische Beschreibung des Phänomens ist schwierig, weil die Reise durch Kontrollverlust geschieht, man sie also herbeiführt, indem man die Kontrolle über die Situation abgibt, und weil die fünf Sinne die Reise nicht begleiten.

Wenn ein Omeganer auf der Erde ankommt und trainiert ist, wird er in einen wetterlosen Zustand geraten und in der Lage sein, die menschliche Welt zu sehen, zu hören und zu riechen. Er muss sich auch nicht unbedingt ein Medium suchen, sondern kann als körperloser Geist Erfahrungen auf der Erde machen. Auch das Phänomen des Wirtes beziehungsweise des Mediums ist unter den Menschen im Prinzip bekannt, wird allerdings meistens mit unseriösen und unzivilisierten Praktiken assoziiert. Auf Omega 5 ist diese Art der Kommunikation normal, wir haben sie aus dem Miana entwickelt. Bei Liebespaaren zum Beispiel kommt es vor, dass der Geist des einen Partners den Geist des anderen Partners in dessen Körper besucht, oder dass beide ihre Körper verlassen und gemeinsam reisen. Inwieweit die Menschen zu solchen Erfahrungen fähig sind, konnte ich noch nicht genau feststellen, im Grunde aber ist dieses Wissen da."

- Riesen unterwegs -

Du hast auch gefragt, wie sich die Riesen fortbewegen. Am liebsten benutzen sie keine Werkzeuge und gehen zu Fuß. Das erste, was die Omeganer damals von den Riesen entdeckt hatten, waren ihre Schiffe, damals noch Boote, die an der Ostseite von Iram, der Meerseite, ankerten. Während des At entwickelten die Omeganer ein komplexes Tunnelsystem, um vor den Riesen geschützt zu sein. Sie verwendeten für abschüssige Strecken leichte Wagen, und in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung begannen die Riesen damit, dieses System zu kopieren. Das hat mit der speziellen Beschaffenheit unserer Unterwelt zu tun, denn es gibt Erdschichten, die sehr glatt sind und Transporte begünstigen. Sie hatten damals die Munkra, Arbeitstiere, die wie eine Mischung aus Bären und Maulwürfen aussahen. Auch die Munkra sind leider ausgestorben wie die meisten Großtiere. Sie haben sozusagen den halben Planeten unterkellert. Heute fahren die Riesen unterirdisch in elektrisch betriebenen Fahrzeugen, sowohl in Iram, als auf dem Rest des Planeten.

Während die Munkra unter der Erde arbeiteten, begannen die Gara oberhalb mit dem Bau eines Straßensystems. Die Riesen sind bekannt dafür, dass sie ständig etwas tun. Sie sind geschickte Handwerker und geduldige Arbeiter. Auch auf den Straßen gehen die Riesen, aber in der Tat sehr vorsichtig, da omeganische Autos und Personen trotz Signalfarben für sie leicht zu übersehen sind. Normalerweise tragen wir Omeganer immer ein paar Leuchtraketen mit uns. Wenn sich ein Riese nähert - was von uns ja früh bemerkt wird - schießen wir die Leuchtrakete senkrecht nach oben. Aus der Perspektive der Riesen muss das lustig aussehen, wenn sie die Straße entlang kommen, jedenfalls können Unfälle dadurch meistens vermieden werden.

Die Population der Riesen verteilt sich: ungefähr die drei Viertel von ihnen leben in Iram, die anderen verstreut auf dem Planeten. Im Lauf der Jahrtausende haben sich feste Siedlungsplätze für die Riesen entwickelt. Sie sind strategisch gewählt, sodass im Notfall kein Ort des Planeten ohne Schutz ist. In diesen Siedlungen wohnt oft nur eine Riesenfamilie, manchmal sind es Kommunen von 50 Gara, selten mehr. Vor allem an den Küsten und in den Wäldern haben sie gebaut und auch ihre Riesenpflanzen mitgebracht, anders könnten sie außerhalb von Iram kaum überleben. Iram ein ungewöhnlich fruchtbares Land. Die Ga-Pflanzen gedeihen aber auch auf den Kontinenten.

Wenn ein Riese den Untergrundwagen benutzt, um nach draußen oder nach Iram zu reisen, oder wenn sich die Siedler-Gara untereinander besuchen, dann sagen sie meistens Bescheid und nehmen Omeganer mit. Sie haben große Kästen gebaut, in denen wir Sitze und Befestigungen angebracht haben. Sie sehen wie Häuser aus und werden als Kinos und Discotheken sowie Feiern aller Art verwendet, wenn sie nicht unterwegs sind. Sie sind meist in der Nähe der U-Bahn-Stationen gelegen. Die Riesen haben einen speziellen Gurt, in den sie den Kasten einhaken. Dann gehen sie damit vorsichtig zum U-Wagen und schnallen ihn dort an. Die meisten dieser Fahrten gehen nach Raat oder kommen von dort.

In Iram fahren die Riesen übrigens auch auf einer Art Fahrrad. Auf eine Autoindustrie haben sie verzichtet, weil es sie, wie sie meinten, zu sehr einschränken würde, wegen der Produktion von Ersatzteilen und Treibstoff. Es wird gar nicht so leicht sein, Dir die Riesen zu beschreiben, denn für menschliche Verhältnisse sind sie in vielem ziemlich seltsam. Taoh hat in seiner Weisheit die beiden Kulturen durch eine Synthese der Sprachen und durch die Vorgabe von Kulten vereinigt. Heute sind die Riesen ein Teil von uns. Wir können diesen Teil in uns lokalisieren und vom anderen Teil abgrenzen, aber beides sind wir. Auf dieser Stufe unserer Zivilisation würden wir unsere Identität verlieren, wenn wir die Riesen in uns leugnen würden. Allerdings denke ich, Du wirst im Verlauf meiner Erzählung selbst mehr und mehr erkennen, was es mit unserem Verhältnis zu den Riesen auf sich hat."

- 19-Uhr-Nachrichten -

Ich sah die 19-Uhr-Nachrichten. Petra Gerster verlas Kriege und Katastrophen. Typische Erd-Nachrichten. Riesen kamen in ihrer Rede nicht vor. Ich fragte mich, welche Nachrichten sie auf Omega 5 präsentieren würde... Raat: In der heutigen Parlamentsdiskussion wurde die Teilung eines zu groß gewordenen Dom in Süd-Myr in drei unabhängige Domra beschlossen. Aus Latuna hörten wir, dass die Riesen soeben den neuen Staudamm fertiggestellt haben, dessen Bau bereits vor Tagen geplant war. Zum bevorstehenden Batuum-Fest haben sich wieder Millionen von Omeganern nach Iram aufgemacht, um an den Zeremonien teilzunehmen. Das omeganische Fernsehen sendet live via Satellit in alle Teile des Planeten. Sehen Sie die ersten Bilder hier, gleich nach dem Wetterbericht... Ich sah Petra Gerster, wie sie "Batuum" sagte, und mir lief ein Schauer über den Rücken.

Wie mochte das omeganische Fernsehen aussehen? Es musste völlig anders sein als unser Fernsehen. Immerhin, das Fernsehen der Erdlinge war zwar von Land zu Land verschieden, aber es hatte seinen Ursprung in der so genannten westlichen Kultur. Die anderen Kulturen auf der Erde, die das Fernsehen übernahmen, hatten bereits mehr Vorgaben, als sie gemerkt haben dürften, denn das Medium war etwas Neues für sie. Sie assimilierten es und färbten es lokal ein, entwickelten aber keine eigene Medien-Philosophie. Ich wollte Jonas danach fragen.

Ich spielte mit dem abwegigen Gedanken, dass Jonas echt war. Wo er jetzt wohl sein mochte. Stellte seine Kontaktperson eine Trance her, wenn sie meine Gedanken in den Emails las? Oder las er es selbst zuerst? Wie sollte man sich das vorstellen? Dass er als wetterloser Geist durch die Straßen schwebte, bis er gerufen wurde? Nein, wahrscheinlich war er jetzt in Raat auf Omega 5. Aber konnte er denn so häufig hin und her durch das Sternentor fliegen? Sehr ungewöhnlich, das alles. Natürlich waren solche Phänomene im Prinzip bei uns bekannt. Meine eigene Urgroßmutter, so sagt man in unserer Familie, hat während des Krieges miterlebt, wie ihr Sohn an der Front gefallen ist, obwohl sie räumlich weit von dem Ereignis entfernt war. Jonas' Fall erinnerte aber mehr an eine Beschwörung, die Anrufung von Geistern. Konnte auch ich ihn als Wirt aufnehmen? Zum ersten Mal kam mir diese Frage. Ich erinnerte mich daran, dass Jonas nur eine Rolle war, die jemand spielte. Virtuos, Anerkennung verdienend und faszinierend, doch es war eine Rolle.

- Tiokan und Themen -

"Die omeganischen Nachrichten hast Du gar nicht schlecht getroffen, außer dem Wetterbericht, den gibt es bei uns nicht in den Nachrichten, sondern im Tiokan, das ist unser Äquivalent zum Internet. Kommunikation wird bei uns sehr wichtig genommen. Bevor ich Dir davon aber mehr erzähle, möchte ich ein Wort sagen darüber, wo ich mich befinde, wenn ich außerhalb des Mediums bin. Ich reise nämlich nicht dauernd durch das Sternentor, sondern bewege mich ständig auf der Erde. Es ist nicht ganz einfach, Dir alle Zusammenhänge zu schildern. So viel kann ich Dir wohl verraten, dass es mir aufgrund bestimmter Umstände derzeit nicht möglich ist, die Erde zu verlassen und nach Omega 5 zurückzukehren. Ich hatte nämlich versprochen, den Kontakt zwischen den Kulturen herzustellen und mich dafür zur Verfügung zu stellen. Mein eigener Wunsch hindert mich also an der Rückkehr. Ich hatte es mir etwas leichter vorgestellt, das gebe ich zu.

Bitfu ist noch immer ein großes Geheimnis für mich. Vieles scheint mir einfach umgekehrt zu sein. Zum Beispiel das, was Ihr Erwachsensein nennt, ist bei uns eine Lebensphase, die Assoziationen auslöst der Art, wie es bei Euch die Pubertät tut. Mit 122 Jahren sieht man das Leben wahrscheinlich gelassener. Erwachsensein, das ist nichts als die materialistische Phase. Das haben bei uns die 20- bis 50-Jährigen, doch es ist eher albern, wenn man es genau betrachtet. Einen Hundertjährigen dagegen, der schon viele Themen erforscht und der eine Vorstellung von den Grundlagen des Miana erworben hat, den interessiert Geld nur sekundär.

Verhungern muss auf Omega 5 sowieso niemand. Von Brak, dem Dichter, der hier noch öfter Erwähnung finden wird, da er mein Lieblingsdichter ist, wird überliefert, dass er eines Tages - er war wohl im hundertundzehnten Jahr - sein Haus verließ, den Schumvogel aus dem Himmel rief und nach Iram flog, wo er sich in einem der Gärten in der Nähe eines Batuum-Strauches niederließ. Batuum ist eine Ga-Pflanze, eine Riesenpflanze, und sie strömt einen wunderbaren Duft aus. Brak jedenfalls verbrachte geschlagene dreißig Jahre an diesem Ort und schrieb keine einzige Zeile. Er las auch nichts. Meistens lag er auf der Wiese in der Sonne. Manche Leute besuchten ihn und er war immer freundlich. Wenn die Leute über die Themen sprechen wollten, mit denen sie sich gerade beschäftigten, dann ließ er sie. Damals gab es noch eine recht starke Fraktion gegen den so genannten Müßiggang. Brak sagte später dazu, wenn es großes Unrecht auf Omega 5 gegeben hätte, wären seine Pflichten als Dichter vielleicht andere gewesen. Er aber hatte nach eigenem Gefühl für Jahrzehnte genug gesagt, warum also Bewegung? Es gibt da erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen der Reaktion auf Braks Phase in Iram und den Bewohnern der irdischen Stadt Calw, die dem Müßiggang ihres Sohnes Hermann Hesse ablehnend gegenüberstanden. Hesse hat am Ende seines Lebens das "Glasperlenspiel" geschrieben und Brak schrieb kurz vor seinem Tod mit 145 Jahren den "Taxonomischen Standard", ein wissenschaftliches Werk, das die geistige Grundlage unseres heutigen Informationswesens bildet.

Bevor ich Dir vom Fernsehen auf Omega 5 erzählen kann, muss ich etwas Allgemeines über unser Informationssystem erklären. Es gibt bei uns verschiedene "Taxonomien", das sind Klassifizierungen der Welt. So wie zum Beispiel die chemischen Elemente in einer Liste taxonomisch zusammengebracht werden oder die Tier- und Pflanzenarten, wenn sie die einzelnen Elemente in Gruppen teilt und in ein inventarisches System bringt. Der taxonomische Standard ist ähnlich einer Einteilung der Wissenschaften. Sein Zweck ist, auf die gesamte Information schnellen Zugriff zu haben. Innerhalb des Standards gibt es sieben alternative Haupt-Taxonomien, etwa 28 weitere, die oft zitiert werden und insgesamt etwa 70, über deren Relevanz ein allgemeiner Konsens herrscht. Dieser Standard, der sozusagen die Spielregeln vorgibt, ist eine hauchdünne Schicht verglichen mit den zahllosen Teil-Taxonomien, auf die er aufbaut und auf die er sich beruft.

Das binäre System als einfaches Übermittlungssystem komplexer Botschaften, auf dem der Computer aufgebaut ist, kennen wir schon seit einer Weile, Elektrizität seit etwa fünfhundert Jahren. Der Tiokan ist im elektrischen Zeitalter schnell entwickelt worden, weil die Grundlagen schon da waren. Er ist dem Internet in vielem ähnlich, mit dem Unterschied vielleicht, dass unsere Wissenschaftler weitgehend online arbeiten, wie übrigens andere Berufsstände auch. Die Gesellschaft durchdringt sich dadurch und schafft ein Gemeinschaftsbewusstsein. Meteorologische Daten zum Beispiel sind dort jederzeit abrufbar. Das sind sie zwar bei Euch im Internet auch, aber Ihr macht dennoch einen Wetterbericht nach den Fernsehnachrichten. Die Frage ist eben, wie wichtig es den Leuten ist, heute schon offiziell zu wissen, wie morgen das Wetter ist.

Wir haben etwa 100 globale Sender auf Omega 5 und viele lokale. Die meisten Sender sind in Raat. Wir haben einen Parlamentssender, der jede einzelne Debatte live überträgt. Es gibt einige Spartensender, zum Beispiel für Musik, Film, Riesen, Sport und Geschichte. Auch die Koda Ka Miraat und das Leben von Taoh und seinen Schülern haben einen eigenen Fernsehkanal. Die Idee des "Offenen Kanals" kennen wir ebenso. Omeganer, die einen Beitrag zu ihrem Thema erarbeiten, können ihn in den Tiokan stellen und im offenen Kanal senden. Ansonsten hat es sich so ergeben, dass es fünf Sender gibt, die von der Mehrheit der Leute gesehen werden.

+ + +

Nun habe ich schon mehrmals über die Themen gesprochen. Bei uns ist es so, dass wir uns bestimmte Themen suchen, zu denen wir Wissen zusammentragen. Wir haben kein Schul- und Universitätssystem wie auf der Erde. Die Kinder bekommen auf Omega 5 eine Grundausbildung von den Eltern. Dort lernen sie lesen und schreiben, Grundlagen des Rechnens und die einfache Benutzung des Tiokan. Es ist uns wichtig, dass die Eltern oder auch abwechselnd die Nachbareltern sich um diese Grundlagen kümmern, damit die Kinder spielerisch und aus ihrem gewohnten Lebensumfeld heraus ihre ersten Erfahrungen mit dem Wissen machen können.

Die äußeren Umstände sind allerdings anders als auf der Erde: dadurch, dass wir so alt werden, haben wir ganz andere Generationsparameter. Omeganische Frauen sind zwischen ihrem fünfzehnten und hundertzehnten Lebensjahr fruchtbar, es ergeben sich da ganz andere Konstellationen. Selten allerdings kann eine omeganische Frau mehr als drei Kinder bekommen, während die Riesenfamilien bis zu zehn Kinder haben können. Dem Problem der Überbevölkerung haben wir entgehen können. Vieles ist leichter, wenn es eine gemeinsame Sprache gibt, Riesen, die helfen und eine über Jahrtausende erprobte Politik des offenen Bewusstseins.

Mit Hilfe der Eltern und Freunde gelangt das Kind zu seinem ersten Thema. Bei mir war es die Fischerei. Meine Eltern hatten beobachtet, wie ich von den Fischern im Hafen fasziniert war und von den zappelnden Fischen im Netz. Mein Vater sagte zu mir: Stell dir vor, du wüsstest alles über die Fischerei, möchtest du das? Und meine Augen strahlten. Als die Fischer hörten, dass die Fischerei mein erstes Thema war, waren sie sehr zuvorkommend zu mir. Wer weiß, vielleicht würde ich einmal etwas für die Fischerei tun, eine Erfindung machen oder ein Gesetz mitgestalten, einen Roman oder Film über das Leben der Fischer machen. Wenn es das erste Thema war, war daran ein hoher Wert für mein Leben gekoppelt. Zwei Monate lang ging ich fast jeden Tag zu den Fischern und sie erklärten mir all die Fische und zeigten mir Bilder von ihnen im Tiokan und in natura. Dies gehört zu meinen allerersten Kindheitserinnerungen und hat mein späteres Leben in vielerlei Hinsicht bestimmt. Ich lernte, was Ebbe und Flut ist und fuhr mit den Fischern zur See. Sie brachten mir ihre Lieder bei und erklärten mir das Schiff. Den Kompass und die Fangquoten. Die Zubereitung von Fischgerichten und die Legende von Gatrok, dem Fisch, der im Vergleich zu den Riesen so groß ist wie ein mittlerer Wal im Vergleich zu einem Menschen. Es soll wirklich noch heute einige letzte Exemplare davon geben. Als kleiner Junge waren das für mich Neuigkeiten, die mich ganz in ihren Bann zogen. Ich war zwei Monate lang hauptsächlich mit den Fischern zusammen oder saß bei den Fischerfamilien. Bei Euch würde man das wahrscheinlich ein Praktikum nennen. Nach diesen zwei Monaten ging ich nur noch manchmal an den Hafen, zu Besuch oder um Fische zu fangen. Später, in meiner materialistischen Phase, spendete ich dem Dom das Geld für ein Schiff. Es hat sich also für uns alle gelohnt.

Dann hat mich mein Vater gefragt, was mir bei den Fischern gefallen hat, und ich zählte alles auf. Dazu gehörte auch, dass ich ihnen gern dabei zugesehen hatte, wie sie Knoten machten. Ich hatte einen starken Ehrgeiz, es zu lernen, denn es schien mir wie ein Rätsel. Daraus wurde mein zweites Thema: Knoten. Meine Mutter sagte mir, dass es Knoten für die verschiedensten Anlässe gibt, und sie erklärte mir, dass es auch geistige Knoten gibt und dass man auch diese knüpfen und auflösen kann. Ich beschäftigte mich damit in Iram, wo ich als Junge drei Jahre verbrachte. Org, einer der Riesen, erklärte mir die Bedeutung des Bundes zwischen Gara und Makara, als er hörte, dass ich das Thema Knoten gewählt hatte. Ich stand Org sein ganzes Leben lang sehr nahe und wir schrieben uns, solange er lebte. Er ist schon vor langer Zeit gestorben. Seine Enkel sind heute selbst Großväter und Großmütter.

In dieser Art funktioniert unser Ausbildungswesen, das die Erdlinge Erziehungswesen nennen und die Omeganer Entfaltungswesen oder einfach Wissen. Zu fast allen Themen gibt es auch einen Unterricht. Im Tiokan kann man erfahren, wann und wo dieser Unterricht stattfindet. Meist sind es Workshops von einem Tag oder einer Woche. Davon gibt es viele, weil jeder, der ein Thema behandelt hat und von einem Meditator oder einem anders Legitimierten dazu geprüft wurde, unterrichten darf und sogar dazu ermutigt wird. Natürlich versucht jeder, die besten Lehrer zu finden, aber es lässt sich nur schwer abschätzen, wer später einmal erfolgreich sein und einen guten Namen haben wird. Manchmal ist ein junger Lehrer besser als ein alter, wenn er mehr Begeisterung hat für sein Thema oder ein besonders neugieriger Forscher ist.

In späteren Jahren, als ich das Thema Schmetterling behandelte, war mein bester Lehrer ein zwölfjähriges Mädchen aus Nord-Targos. Dieses Kind wusste alles über Schmetterlinge und niemand verstand, wie sie sich all diese Namen merken konnte. Aber sie liebte eben Schmetterlinge, und Kinder können zu Magiern werden, wenn sie etwas wirklich wissen wollen. Heute ist das Mädchen 70 und die erste offizielle Adresse zum Thema Schmetterlinge für den Tiokan, die Medien und die Politiker auf Omega 5!

Auf der Erde ist das Fernsehen hauptsächlich zur Unterhaltung gedacht. Das ist bei uns ähnlich. Allerdings haben wir einen anderen Begriff von Unterhaltung. Das meiste, was im irdischen Fernsehen gezeigt wird, ist für einen Omeganer nicht sonderlich unterhaltsam. Viele einzelne Sendungen schon, aber das gesamte Prinzip nicht. Werbung gibt es bei uns allerdings auch. Insgesamt hat das Fernsehen nicht so einen hohen Stellenwert wie auf der Erde. Wir betrachten es als einen Teil des Tiokan. Tiokan heißt soviel wie "Elektrische Maschine für öffentliche Kommunikation". Er besteht aus einem Bildschirm und einer Tastatur, ähnlich wie ein Computer. In jedem Haushalt gibt es den. In jedem Dom sind mehrere Info-Punkte mit frei zugänglichem Tiokan. Er ist ungemein praktisch. Da wir Omeganer ständig lernen, haben wir ständig Fragen. Überall, wo man Wissen braucht, steht so ein Apparat."

- Am Tresen -

Ja, doch, das klang alles sehr logisch. Weil die gesamte Lebenseinstellung auf Omega 5 anders war, war auch das Fernsehen anders. Wahrscheinlich eher so, wie bei uns der Sender Arte. Und wenn man mal zwischendurch für dreißig Jahre eine kleine Pause machen wollte, nahm man sich einfach den Schumvogel und ab ging es ins Schlaraffenland. Dieser Jonas hatte wirklich Fantasie. Es schien ihn herauszufordern, seine Traumwelt so realistisch wie möglich zu gestalten und mir aufmerksamem Kritiker keine Möglichkeit zu lassen, ihn zu widerlegen.

Ich bestellte mein fünftes Bier und genoss die Langsamkeit meiner Bewegungen. "Gerd, was war eigentlich dein erstes Thema?", fragte ich den Wirt, leicht überrascht darüber, dass ich meinen Sprachapparat noch so gut unter Kontrolle hatte. Gerd stellte das Bier in meine bereits in Greifhaltung über dem Tresen wartende Hand. "Was meinst du für ein Thema?", fragte er mich zurück. "Ja, dein allererstes Thema meine ich. Das erste, was dich in deinem Leben richtig interessiert hat." Meine Stimme klang etwas ungeduldig, fast ungehalten. Der Alkohol hatte also doch Spuren hinterlassen. Die Leute am Tresen schienen das Gespräch zu verfolgen. "Brüste", sagte der Wirt, "mein erstes Thema waren wahrscheinlich Brüste", und er ging zur anderen Seite des Tresens zurück. "Ausgezeichnet", entgegnete ich grinsend, jetzt doch lallend, "das kann ich akzeptieren. Die Verbindung zu deinem jetzigen Beruf ist einleuchtend."

Ich trank aus und bezahlte die Biere und die Schnäpse. Von Ferne hörte ich eine Eisenbahn rattern. Gerd kratzte sich am Kopf: "Du, da könnte echt was dran sein." Ich versuchte mich daran zu erinnern, wo der Ausgang der Bar war, und es fiel mir wieder ein. Danach erst bemerkte ich, dass Gerd noch mit mir sprach. "Und könntest du dir auch vorstellen", fragte ich ihn, "deinen Körper dem Geist eines Außerirdischen zur Verfügung zu stellen, damit der mit den Menschen sprechen kann?" Ich erwartete keine Antwort, redete mehr in mich hinein, kicherte, steuerte vorsichtig auf den Ausgang zu, probeweise. "Eventuell", meinte Gerd und ich begann zu lachen. Es lachte so aus mir heraus, in mehreren Schüben, bis es in einem entspannten Seufzen ausklang. "Ich schicke dir die Omega-Story per Mail", rief ich geheimnisvoll durch die Bar, dann fand ich mich auf der anderen Seite der Tür im Freien wieder.

+ + +

An die Zeit zwischen Mitternacht und elf Uhr des nächsten Vormittags hatte ich beim Aufwachen keinerlei Erinnerung mehr. Die Sauerei im Badezimmer konnte ich mir nicht erklären, auch nicht, wie mein rechter Stiefel oben im Bücherregal gelandet war. Aber an den Traum, an den konnte ich mich noch sehr gut erinnern. Ich sah auf die Uhr, es war kurz nach elf.

Ich verließ das Bett und sah drei Atemzüge lang aus dem Fenster. Dann machte ich Teewasser heiß und entdeckte die Sauerei im Bad. Eine Viertelstunde später saß ich am Rechner und sah nach, ob Mails gekommen waren. Jonas hatte noch nicht wieder geschrieben. Ich war irgendwie enttäuscht, hatte damit gerechnet, eine neue Geschichte von ihm zu finden, es sogar erwartet, wenn ich ehrlich war. Ich schrieb mich bis zu diesem Punkt, vom Besuch in der Bar angefangen.

Ein weiterer Tag verging und ich hörte nichts von Jonas. Ich hatte ihm gemailt, was sich in meinem Traum zugetragen hatte und wollte es erst dann jemandem weitererzählen, wenn er seine Antwort darauf formuliert hatte. Und nun blieb er stumm. Da entschloss ich mich, das erste Kapitel an dieser Stelle zu beenden und das zweite mit meinem ungewöhnlichen Traum beginnen zu lassen.

Zweites Kapitel >>

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