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OMEGA 5
Roman von Anis Hamadeh
Zweites Kapitel

Einleitung  
Kapitel   1   2   3  
English Version  
Glossar  
Illustrationen  
Inhalt: Kleine grüne Männchen - Suui - Perlentaucher - Existenzielle Fragen - Gott - Lemuren (2) - Iram - Mumien - Unterm Apfelbaum - Wieder bei Suui - Neue Fragen - Jonas und der Beat-Planet - Miko Makao - Alltag - Bildung - Anton wird vermisst
- Kleine grüne Männchen -

Die Lösung war natürlich ganz einfach: Ich hatte mich so intensiv mit Jonas' anregender Geschichte beschäftigt, dass ich sie im Traum verarbeitete. Es wäre sogar verwunderlich gewesen, wenn es nicht so geschehen wäre. Doch bei aller Natürlichkeit der Lösung, es war ein Erlebnis. Und es hatte einen Eindruck hinterlassen, der stärker war als der Kommentar dazu.

In diesen Traum bin ich regelrecht gezogen worden, ich brauchte nur loszulassen. Es zog mich irgendwo hinein. Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, bis ich auf der anderen Seite angekommen war, merkte aber deutlich, dass ich auf der anderen Seite angekommen war, weil die meisten meiner Sinne zurückkehrten. Zuerst sah ich einen Horizont durch ein schmales hohes Fenster, dann drehte ich den Blick. Vorn unter mir waren Menschen. Menschen? Sie sahen aus wie tanzende Menschen. Jetzt hörte ich auch die Musik. Ich war in einer Art Discothek. Die Tanzfläche war umgeben von Galerien auf mehreren Etagen, auf denen sich überall Leute befanden. Das Ambiente war das einer Fabrik, einer umgebauten Fabrik, nur war der Raum kleiner, wie ein Wohnhaus etwa. Zuerst dachte ich, es liege an den Lichtverhältnissen, doch nach einer Weile stellte ich fest, dass die Haut der Personen, die ich da sah, einen leichten Grünstich hatte. Kleine grüne Männchen, also doch!

Jonas sagte, wer das Sternentor zufällig fand, könnte sich später an nichts erinnern, doch das war bei mir nicht der Fall. Vielleicht war ich auch gar nicht auf Omega 5, sondern auf Omega 2, wer wusste das schon? Dann hörte die Musik auf und jemand sagte etwas in ein Mikrophon in einer fremden Sprache. Die jetzt nicht mehr tanzenden grünlichen Leute machten "Ah" und "Oh". Eine Frau in einem Wildlederkostüm stand mit ausgebreiteten Armen in der Mitte der Bühne, als würde sie ein Ritual einleiten. Sie schien sehr aufmerksam zu sein, während die anderen versuchten, in ihren Blicken und Gesten zu lesen, was sie da wahrnahm. Langsam, mit ausgestreckten Zeigefingern, drehte sich die Frau. Dann sah sie in die Höhe vor sich. Sie sah mir direkt in die Augen.

Jetzt verstand ich erst, dass es um mich ging. Die Leute konnten mich nicht sehen, aber diese Frau hatte mich wahrgenommen und es den Anderen erzählt. Was hatten sie vor? Wollten sie mich einfangen? Ich sah, wie sich ihr Mund bewegte. Sie wiederholte ein Wort immer wieder: "Suui", "Suui", "O seo Suui". Leider konnte ich damit gar nichts anfangen. Was wollte sie nur von mir? Sollte ich irgendetwas tun? Inzwischen wurde wieder leise Musik gespielt, hallende Flötenmusik, von einem Chor getragen, in einen Rhythmus übergehend. "O Suui". Die Frau zeigte auf sich selbst. Ach so! Suui war ihr Name! Ich wollte ihr antworten, aber sie konnte mich nicht hören. Offensichtlich konnte sie mich auch nicht sehen. Sie musste mich auf eine mir unbekannte Art wahrnehmen können.

Was tat sie nun? Sie tanzte. Oh, sie tanzte nicht nur, sie tanzte sogar sehr schön. Ihre Augen waren abwesend, ein Lächeln lag um ihren Mund, und ihre Hände öffneten sich, als wollte sie mich auffordern. Etwas zog mich zu Suui hin, sie schien mich mit ihrem Tanz unmittelbar anzusprechen, mit mir zu kommunizieren. Sie forderte mich tatsächlich zum Tanz auf! Das Ganze war eine Geisterbeschwörung - und ich war der Geist!

- Suui -

Ich blickte in die Gesichter der Leute. Sie standen jetzt auf gleicher Augenhöhe vor mir. Wo war Suui? Ich ging einige Schritte und drehte mich. Sie war doch gerade noch da! Was war geschehen? Die Leute starrten mich an, sprachen mit mir, aber ich konnte ihre Sprache nicht verstehen. Als ich dann an mir heruntersah, wusste ich, wo Suui war - sie war meine Wirtin geworden.

Unsicher bewegte ich mich in eine Richtung. Die Musik spielte noch. Meine Schritte waren leicht und mir fiel ein, was Jonas über die Schwerkraft auf Omega 5 gesagt hatte. Man führte mich zu einem Sofa, das an einem Tisch stand, und ich setzte mich. Dann begann ich zu sprechen. Ich weiß nicht mehr, was ich erzählt habe, aber irgendetwas wollte ich zur Situation beitragen. Um mich herum saßen die grünlichen Leute und hingen an meinen, beziehungsweise an Suuis Lippen. Ich streckte ihre Hand aus und berührte die Leute. Sie fühlten sich an wie Menschen. Ich erzählte von Jonas, doch schien niemand mit diesem Namen etwas anfangen zu können. Konnte ich denn gar nichts kommunzieren? Doch. Ich zählte alle omeganischen Wörter auf, die ich kannte: Gara und Makara, Koda ka Miraat, Miana, Taoh, Gandor und Org. Ein Raunen ging durch die Menge. Damit hatten sie nicht gerechnet. Wieder begannen sie auf mich einzureden, wieder verstand ich nichts.

Man brachte mir eine Schale mit Obst. Ich sollte probieren. Einen Moment lang zögerte ich zuzugreifen, dann erinnerte ich mich daran, dass es nicht mein Körper war, der es verdauen würde, sondern Suuis. Es konnte mir also gar nichts passieren. Ich probierte. "Batuum", sagte einer der Anwesenden zu mir und es war überaus köstlich. Jonas hatte Recht, es schmeckte nach Erdbeere, hatte auch das Saftige einer süßen Wassermelone, war dabei aber sättigender. Gar nicht wie Obst, fast wie Brot. Eine faszinierende Erfahrung. Die Omeganer beobachteten, wie ich auf ihre Speise reagierte, und sie waren mit mir zufrieden.

Sehr schade, dass sie Jonas nicht kannten und dass wir uns kaum verständigen konnten. Ich dachte angestrengt darüber nach, wie ich den Anwesenden erklären konnte, woher ich kam, als ich plötzlich einen Sog spürte, der an mir zerrte. Innerhalb von kurzer Zeit wurde er heftiger. Suui erhob sich vom Sofa und ging zurück zur Tanzfläche. Die Kontrolle, die ich über ihren Körper gehabt hatte, war verschwunden. Ich entfernte mich von ihr und schwebte wieder im wetterlosen Raum über ihren Köpfen. Suui blieb ein paar Sekunden lang reglos, dann blickte sie in meine Richtung, erschöpft, ein wenig hilflos.

Undeutlicher wurde die Szenerie, ich entfernte mich weiter. Der letzte Eindruck, den ich von dieser Reise mitnahm, war, dass Suui ein Amulett aus ihrer Tasche zog und mir hinhielt. Es zeigte drei sandbraune Flächen auf einem blauen Hintergrund. Die mittlere dieser Flächen war fast rund und hatte einen roten Fleck, die anderen beiden waren etwas kleiner und lagen nierenförmig um die mittlere Fläche herum. Ich prägte mir das Bild genau ein, sah Suui noch ein letztes Mal an und gab dem Druck dann nach, der mir zuerst die Sinne nahm und mich dann durch das Sternentor zurück in meine vertraute Umgebung schleuderte.

- Perlentaucher -

"Lieber Anton, Du hast es tatsächlich geschafft, mich zu überraschen. Offenbar hast Du mentale Fähigkeiten, die sich nach übertriebenem Alkoholkonsum ausbilden. Dein Traumbericht enthält jedenfalls einige bemerkenswerte Details, die mich veranlassen, an seiner Echtheit nicht zu zweifeln. Es ist Dir gelungen, das Sternentor zu finden. Glückwunsch! Es soll sich, wie gesagt, immer wieder einmal ein Mensch auf unseren Planeten verirrt haben, und in unserem Archiv sind allerhand Fälle, die auf gelungene Seancen mit menschlichen Geistern deuten, jedoch blieben dies alles Mutmaßungen und Spekulationen. Erst vor Kurzem ist uns die menschliche Kultur zugänglich geworden und wir stehen mit unseren Forschungen noch ganz am Anfang. Wenn die Omeganer verstanden haben, dass Du von der Erde gekommen bist, ist das eine Sensation für Omega 5. Du solltest daher unbedingt versuchen, die Reise zu wiederholen.

Das Amulett, das Suui Dir gezeigt hat, stellt die drei Kontinente unseres Planeten dar. Der rötliche Fleck in der Mitte ist Iram. Wenn Du Dir das Bild dieses Amuletts hast merken können, wird es Dir den Weg zum Sternentor erleichtern. Vielleicht schaffst Du es noch einmal. Das wäre ein grandioser Erfolg. "Erde" heißt auf Omeganisch übrigens "Bitfu", dieses Wort solltest Du unbedingt verwenden. Es stammt aus dem englischen Wort "Beat" und dem omeganischen Wort für "Planet", Fu. Das liegt daran, dass wir den ersten direkten Kontakt mit der Erde in Euren 60er-Jahren hatten, der Blütezeit Eurer neueren Kulturgeschichte. Miko Makao war damals die Erste, die sich mit der Kultur der Erdlinge thematisch auseinandersetzte. Sie war es auch, die vor fünf Jahren die erste vollständige Übersetzung eines irdischen Buches präsentierte, die vom "Siddharta", schon jetzt ein Standardwerk. Wenn es Dir gelänge, sie zu finden, wäre das fantastisch.

Ein Problem ist natürlich Dein Gedächtnis. Wir Omeganer trainieren unser Gedächtnis ganz anders als die Menschen. Es bereitet uns relativ wenig Schwierigkeiten, uns Zusammenhänge und Texte zu merken. Da die Reise durch das Sternentor rein spirituell ist, kann man nichts Materielles mitnehmen, Bücher zum Beispiel. Das erleichtert den Kulturaustausch nicht gerade. Derzeit sind im Durchschnitt ungefähr siebenhundert Omeganer auf der Erde. Wir nennen sie die Perlentaucher. Sie bleiben nur jeweils für ein paar Tage - manchmal nur für Stunden - auf der Erde, memorieren Texte und erforschen die Menschen und den Planeten. Da ich sozusagen einen längerfristigen Job habe, kümmere ich mich öfters um sie, damit sie sich orientieren und sie ihre Zeit ökonomisch einteilen können. Als ich zwischendurch nicht geschrieben habe, war ich bei einem der Perlentaucher. Nach dem, was jetzt passiert ist, werde ich aber schneller antworten. Es ist wichtig für mich, was Du erreichen kannst. Wenn Du mit Miko zusammentreffen kannst, ist meine Mission so gut wie erfüllt.

Die Discothek übrigens, in die Du da geraten bist, ist eines der fliegenden Häuser, von denen ich Dir erzählt habe. Damit transportieren die Riesen die Omeganer. Mit ein paar Handgriffen lässt sich die Bus-ähnliche Innenarchitektur in ein Tanzlokal verwandeln. Der Tanz hat in unserer Gesellschaft eine besondere Bedeutung. Was unsere Hautfarbe angeht, so wird es Dich kaum wundern, dass ich das nicht erwähnt habe. Dann hättest Du mir gar nicht erst zugehört. Die Welt steckt voller Überraschungen. Bis später, Jonas."

- Existenzielle Fragen -

Nun musste ich mich entscheiden. Wollte ich die Sache wirklich für bare Münze nehmen oder nicht? Wollte ich daran glauben, dass siebenhundert Omeganer unbemerkt auf der Erde herumstöberten? Doch es waren nicht die richtigen Fragen. Der Innenminister kam mir flüchtig in den Sinn. Omeganer-Sicherheitspaket. Würde er glauben, dass diese außerirdischen Mitbürger nur Perlentaucher sind? Nein, er würde die ganze Sache überhaupt nicht glauben. Omeganer hatten hier keinerlei materielle Kompetenz, sie existierten auf der Erde nicht materiell. Angenommen, ich würde die Geschichte glauben, dann würde ich Jonas als Person akzeptieren und nicht mehr als Rolle. Äußerlich würde das kaum etwas ändern. Wie wichtig war es also?

Spirituelle Existenz. Jetzt verstand ich erst, was Jonas meinte, als er sagte, für die Menschen sei Existenz und Materie dasselbe. Wenn er zwei Jahre lang hier war und die ganze Zeit über Kontakt aufnehmen wollte, musste er ziemlich frustriert sein. Dadurch, dass er nur ein Geist war, ließen sich all seine Einwirkungen auf die Welt auch anders erklären als durch seine Existenz. Und wenn nicht, hieß das immer noch nicht, dass man Jonas Recht geben würde. Man musste ihm schon glauben, um seine Existenz verstehen zu können. So ähnlich wie gläubige Menschen sagten, dass man Gottes Existenz nur durch den Glauben verstehen kann. Kein Wunder also, dass Jonas' Mission sich hinauszögerte, denn er konnte nichts beweisen.

Aber wie konnte er es so lange auf dem Beat-Planeten aushalten? Wie sollte sein Körper, der auf Omega 5 ja materiell war, so wie der von Suui, zwei Jahre lang in Trance verbringen können? Ich war sicher, dass Jonas mir nicht alles erzählt hatte. All diese Gedankengänge gingen von der These aus, dass Jonas echt war. Doch in Wirklichkeit war es nur ein Spiel, eine Gedankenprojektion. Aber dann waren da noch der Traum und all die Rätsel. Es war ein bemerkenswertes Gefühl, so nah an einer ganzen neuen Welt zu sein und gleichzeitig so unvermögend, sie begreifbar zu machen.

Ich wäre sowieso nicht mehr von der Sache losgekommen und natürlich versuchte ich die erneute Reise durch das Sternentor. Anfangs dachte ich, dieses Ziel durch die Zufuhr von Alkohol günstig beeinflussen zu können, doch stellte sich das als Irrtum heraus. Ich sah mich im Dienst der Wissenschaft, insofern hätte es damit keine Probleme gegeben. Doch so sehr ich mich auch auf das Amulett konzentrierte und auf Suui und die grünen Freaks aus der Disco, es gelang kein zweites Mal auf diese Weise. Deshalb fragte ich Jonas zwischendurch danach, ob es eigentlich auf Omega 5 einen Gott gab. Und über die Lemuren wollte ich auch gern noch mehr wissen.

- Gott -

"Vielleicht kann ich Dir ein paar Hinweise geben für die Sternenreise. Wie gesagt, normalerweise ist ein langwieriges Studium dafür notwendig. Stell Dir nicht unbedingt Omega 5 vor, stell Dir lieber vor, Du würdest eine lange Treppe heruntergehen und dabei an das Amulett denken. Finde die passenden Bilder. Vielleicht verbirgt sich Omega 5 für Dich in einem tiefen Brunnen, in den Du hinabsteigen musst, oder in einer Höhle, die Du erkundest. Möglicherweise wird ein Tier Dich dahin leiten. Es kommt darauf an, was für ein Typ Du bist. Wenn Du das Gefühl hast, am richtigen Ort zu sein, lass Dich einfach fallen. Konzentriere Dich nicht. Werde völlig passiv und lass die Welt durch Dich hindurchströmen. Wolle nichts, habe keine Erwartungen. Mache Dir stattdessen vor der Reise Deinen Wunsch deutlich, der durch das Amulett symbolisiert ist, und verschließe diesen Wunsch an einem Ort in Deinem Kopf, von dem aus er leicht entströmen kann, wenn die Entspannung eingetreten ist. Denk daran, dass die Reise durch das Sternentor nur durch Kontrollverlust zu erreichen ist. Dazu braucht es Vertrauen und im Grunde auch Erfahrung. Wenn es nicht funktioniert, mach Dir keine Sorgen darüber, dann ist es eben so.

Du fragst nach Gott. Nein, so etwas haben die meisten Omeganer nicht. Eine Ethik wohl, aber keinen Gott in diesem Sinne. Die Riesen neigen dazu, an einen Gott zu glauben, weil sie davon ausgehen, dass Iram am Anfang Teil eines anderen Planeten war. Iram hat eine andere Bodenbeschaffenheit als der Rest des Planeten und eine unterschiedliche Tier- und Pflanzenwelt. Und die Riesen selbst, natürlich. Sie sagen, dass Gott sie sozusagen verpflanzt hat. Irgendwie müssen sie ja auf den Planeten gekommen sein. Die Omeganer können das nachvollziehen, sie haben allerdings hinsichtlich des Phänomens Irams keinen solchen Erklärungsdrang. Auch in verschiedenen Teilen von Targos und Latuna gibt es einige Heilslehren mit ihren Kulten, auch Naturreligionen und einen Hochgottglauben. Ich habe bereits in Euren Büchern gelesen, in der Bibel und im Koran, ich weiß, was Du meinst: Paradies und Hölle, Belohnung und Strafe, Propheten und Wunder, göttliche Gesetze, Kirchen, Gottes Stellvertreter auf Erden etc.. So etwas gibt es auf Omega 5 nicht. Wir haben auch gar kein Wort für "glauben". Es gibt in der beritischen Sprache Ausdrücke für "vermuten", für "erkennen", "annehmen" und für "vertrauen", aber nicht für "glauben". Was soll das sein? Wenn man die Existenz einer Sache anerkennt, die man nicht beweisen kann? Für Omeganer ist das zu abstrakt. Wir haben zudem andere Beweisführungen als Ihr. Jedoch sind wir aufgeschlossene Omeganer und haben nichts dagegen, wenn es einen Gott gibt.

Verglichen mit östlichen Religionen kann man allerdings auch so argumentieren, dass wir einen Gott haben, mit dem Begriff "Ra", also "Frieden". Dieser Begriff bezeichnet auch eine spirituelle Wahrheit, die man in der Welt erkennen kann. Sie ist eher passiv, wer nach ihr greift, dem entgeht sie. Und doch handelt es sich um die Kraft, die zeigt, dass die Dinge einen Sinn haben, der in ihnen selbst steckt. Sprachforscher sagen, dass "Ra" ursprünglich "Vielfalt in Harmonie" bedeutet hat, und dass daher auch das gleich lautende Pluralsuffix entstanden ist. Man kann das mit einem Gottesbegriff koordinieren, wenn man möchte. Auch unsere Antworten auf die Frage, woher wir kommen, lassen sich so interpretieren, dass wir einen Gott haben. Es ist eine Sache der Perspektive.

Einen Schicksalsbegriff haben wir. Wir gehen davon aus, dass jedes Individuum eine Identität hat und dass diese Identität sich mit der Zeit entfaltet. Um sich zu entfalten sucht sie sich Situationen, in denen sie lernt, was sie individuell braucht. Diesen Weg betrachten wir als das Schicksal. Die Welt stellen wir uns als eine Einheit vor, von der wir jeweils ein gleichberechtigter Teil sind. Wir selbst sind die Welt. Interessant finde ich, dass es in der beritischen Sprache kein Wort für "heilig" gibt. In den Regionen, in denen es einen Gottglauben gibt, besitzt die lokale Sprache ein Wort für "heilig" und auch im Alt-Targischen gab es ein solches Wort. Die Riesen sprechen zwar heute ausschließlich Berit, verwenden aber einige wenige Begriffe anders als die Omeganer. Es handelt sich dabei zum Beispiel um solche Wörter, die man mit Heiligkeit in Verbindung bringen könnte.

- Lemuren (2) -

Dass unsere Lemuren für Menschen interessant sind, kann ich verstehen. Wenn Du den Weg nach Omega wiederfindest, werden Dir vielleicht sogar Exemplare einer weiteren Tierart begegnen, die Sprachfähigkeiten hat. In einigen Wäldern leben die Erdmakara, sie sind etwa so groß wie Meerschweinchen, bewegen sich auf zwei kurzen Beinen und sind sehr beliebt bei Kindern. Die Erdmakara verfügen über eine einfache Sprache, die aus knapp 200 Zeichen besteht, die sie kombinieren können. Dazu kennen sie die wichtigsten Wörter in Berit und verstehen eine ganze Menge. Sie leben in kuschligen Erdwohnungen und sind ein netter Zeitvertreib. Erdmakara und Lemuren verstehen sich dagegen nicht immer so gut und wir haben dafür gesorgt, dass sie möglichst ihre eigenen Reviere haben.

Ja, die Lemuren. Ich hatte mehrmals unangenehme Erlebnisse mit ihnen, stehe aber in Kontakt zu Bo, der einige Gedichte geschrieben hat, die ich zum Größten zähle, was die lemurische Kultur je hervorgebracht hat. Bo stammt aus den Schneewäldern im Norden von Targos. Dort lebt nur eine kleine Gruppe von Lemuren, denn die meisten bevorzugen ein tropisches und subtropisches Klima. Meine Kenntnisse des Lemurischen sind zwar nicht so besonders, allerdings schrieb Bo einige Zeilen zum Thema Knoten, und das war eines der Themen, zu denen ich gearbeitet habe. So lernte ich ihn vor sieben Jahren kennen. Mit einem Übersetzer zusammen besuchte ich Bo vor einiger Zeit. Er lud mich ein, als eine Lemurin Junge mit ihm bekommen hatte und er eine Feier ausrichtete. Die fand im Gemeindehaus statt, einem Gebäude, das für Omeganer geräumig genug ist, um sich darin wohl zu fühlen. Bo war ein sehr zuvorkommender und höflicher Gastgeber. Am Abend saß er mit der Pfeife neben dem Ofen und sah aus dem Fenster in die verschneite Landschaft. Er war leicht melancholisch, doch dabei voller wachem Geist. Dieses Erlebnis hat meine Meinung von den Lemuren verändert.

Ganz anders verlief eine Begegnung vor vielen Jahren, als ich mit einer Gruppe Omeganer aus dem Kino kam und wir von einer Lemuren-Gang überfallen wurden. Es waren etwa dreißig Angreifer, sie kamen aus einem Park, wo sie die meiste Zeit herumlungerten. Sie waren mit Speeren und Pfeilen bewaffnet und zum Äußersten bereit. Da die Lemuren nicht dazu gezwungen sind, ihre Identitätskarten mit sich zu tragen und da überhaupt nur diejenigen Tiere identifiziert werden, die einen Arbeitsvertrag haben, fühlen sich einige der Affen in anonymer Sicherheit und greifen Omeganer an. Das kommt immer wieder einmal vor. Meistens stellen sie für einen Omeganer keine ernsthaften Gegner dar, denn die Lemuren reichen uns nur bis kurz über das Knie, in bewaffneten Gruppen allerdings können sie ziemlich gefährlich werden. Die Begegnung nach dem Kinobesuch war mir eine Lehre, denn ich trug einige Blessuren davon. Eine der Omeganerinnen aus der Gruppe konnte die Situation entschärfen. Sie trug eine Schumpfeife bei sich und rief im wahrsten Sinne des Wortes die Hilfe aus dem Himmel. Einer der weißen Großvögel befand sich in der Nähe und erkannte beim Landen, was auf der Straße vor sich ging. Er trappelte heran und stellte sich auf die andere Seite, sodass die Lemuren in der Mitte zwischen uns und dem Schum standen. Der Vogel begann mit den Flügeln zu flattern und dabei zu krächzen. Der dabei entstehende Wind riss uns fast alle von den Beinen und die Hälfte der Lemuren wurde einfach die Straße heruntergeweht. Als der Vogel nach ein paar Sekunden aufhörte und sich still verhielt, suchten die Affen das Weite.

Der bekannteste aller Lemuren ist Hekto. Die Film-Industrie hat ihn entdeckt. Hekto ist so etwas wie ein Lemuren-Popstar. Jeder Lemure, jeder Omeganer und jeder Riese kennt ihn. Sogar die Erdmakara kennen ihn. Es gibt bislang 27 Filme mit diesem Affen und fast in jedem Jahr kommt einer dazu. Außerdem hat er eine eigene Sendung bei Lemur TV. In seinen ernsten Rollen spielt er meist den abenteuer-liebenden Lemuren, der sein Dorf verlässt, um in der Welt der Omeganer sein Glück zu finden. Angezogen von der Kultur und den Möglichkeiten der Omeganer, abgestoßen aber von den Regeln der Zivilisation, kehrt er am Schluss des Films zu seinem Ursprung zurück und akzeptiert seine eigene lemurische Herkunft. In seinen komischen Rollen arbeitet Hekto meist als Pantomime und stellt die Alltagsprobleme eines Lemuren dar und den Kulturunterschied zu den Makara. Hekto gilt als Exzentriker. Er färbt sich die Haare und trägt auffälligen Schmuck. In seiner Sendung interviewt er Lemuren aus aller Welt.

Mein Medium ist heute gut in Form. Sie heißt übrigens Sabrina. Bevor sie mich aufnimmt, schreibt sie mir manchmal Nachrichten auf ein Stück Papier, das ich auf dem Schreibtisch finde. Sie schrieb heute, sie sei davon überzeugt, dass dieses Buch zur Verständigung zwischen Menschen und Omeganern führen wird. Wir beide wünschen Dir Glück für Deine nächste Reise, deren Zeitpunkt man zwar nicht berechnen kann, die aber bestimmt schon auf Dich wartet."

- Iram -

Sollte diese Reise tatsächlich auf mich warten, dann brauchte sie viel Geduld. Es sei denn, ich reiste und vergaß es sofort wieder. Das war eine weitere Möglichkeit. Es tat sich gar nichts. Außer dass Professor Schreiber, ein pensionierter Altertumsforscher aus Mecklenburg-Vorpommern, mir hin und wieder Mails schickte, in denen er darauf hinwies, dass es eine sagenhafte Stadt mit Namen Iram auch in der islamischen Kultur gab. Herr Schreiber verfolgte die Geschichte von Anfang an über Emails und war davon überzeugt, dass die gemeinsamen Namen (auch der "Nil") auf eine spirituelle Verbindung der beiden Planeten deutete. Er war überaus engagiert und hatte eine ganz eigene Theorie zu Omega 5 entwickelt, in der unter anderem alt-ägyptische Mythen, prophetische Überlieferungen, Dschinnen, die Literatur von H.P.Lovecraft und Bewegungen der Freimaurer-Loge einbezogen waren. Detailliert, so Schreiber, würde er auf diese Theorie in einem Buch eingehen, an dem er gerade arbeitete, das er aber nicht als die letzte Wahrheit bezeichnen wollte, wenn ich ihn da richtig verstanden hatte. Dankenswerterweise schickte Herr Schreiber mir den Link zu einem Lexikoneintrag über Iram, der hatte folgenden Inhalt:

‚Iram: mythische Stadt aus der arabisch-islamischen Geschichtsschreibung. Erwähnt im Koran, Sure 89, Vers 6-7: "Sahst Du nicht, wie dein Herr mit den Ad verfuhr? Mit Iram, der säulenreichen Stadt?" Nach der Legende hat Gott die Menschen in Iram ähnlich wie in Babel, Sodom und Gomorrah für ihren Hochmut und Luxus bestraft. Iram soll von der Erde geschluckt worden sein, durch einen Kollaps oder einen Sandsturm. Mit Iram wird einzigartiger Reichtum assoziiert, der Stamm der Ad und außerdem Gärten. Als historisch möglicher Entsprechungsort wird Ubar genannt, welches wohl im Oman liegt (Oase Shis'r, im Norden der Provinz Dhofa). Alternativ werden ein nabatäischer Ort 30 km östlich von Aqaba genannt sowie eine Stelle im Rub' al-Khali in Saudi-Arabien. Das Ende von Iram könnte 30 v.Chr. gewesen sein. Einer Version nach lebten in Iram einst die Brüder Shaddid und Shaddad. Als Shaddid starb, wollte sein arroganter Bruder einen Garten bauen, der das Paradies ausstach. Wie beim Turmbau zu Babel wurde alles zerstört. Es gibt auch literarische Verarbeitungen des Themas. Der Schriftsteller H.P.Lovecraft nennt ein "Irem, City of Pillars" in einigen seiner Geschichten. Am bekanntesten ist aber die Erwähnung in 1001 Nacht. In der 763sten Nacht heißt es, dass "muslimische Dschinnen" im Garten von Iram wohnten. Sayf al-Muluk, ein ägyptischer Prinz, zog aus, um in Iram um die Hand der Dschinnen-Prinzessin Badi'a al-Jamal anzuhalten. Eine Dschinnen-Zofe flog mit dem Prinz in den Himmel: "Nach einer Weile sagte sie zu ihm: ‚Oh Königssohn, öffne deine Augen.' Er öffnete sie und fand sich in einem Garten, welcher kein anderer als der Garten von Iram war."'

Ich versuchte einiges, um wieder nach Omega 5 zu kommen. Mein Wunsch war inzwischen so stark geworden, dass ich ihn richtig spüren konnte. Er hatte eine Realität. Aus der Videothek besorgte ich mir den Film "Stargate" mit Kurt Russell und sah ihn mir mehrfach an. Auch dieser Film lebte von High-Tech-Außerirdischen und hatte nicht viel mit Omega 5 zu tun, doch die Bilder vom Sternentor wirkten stimulierend. Dennoch, auch nach fünf Tagen und Nächten hatte ich das Tor nicht gefunden. Jonas meldete sich wieder.

- Mumien -

"Ausgezeichnet, vielen Dank für den Hinweis auf 1001 Nacht. Dieses Buch war mir bislang fast unbekannt. Ich habe den Iram-Artikel gleich an einen der Perlentaucher weitergegeben, der ihn nach Raat bringen wird. Sensationell! Wenn ich es richtig verstehe, geht es in der Geschichte um die Verbindung zwischen einem Menschen und einem Geist, also im Grunde zwischen den Menschen und den Geistern. Möglicherweise beschreibt die Himmelfahrt in dieser Geschichte eine Reise durch das Sternentor. Das wird meine Leute sehr interessieren.

Wenn ich Dich nur irgendwie trainieren könnte! Aber das wird kaum zu machen sein. Ich habe versucht, Sabrina zu trainieren, aber ohne Erfolg. Inzwischen ist Dein Besuch auf unserem Planeten übrigens öffentlich registriert worden. Das hat man mir mitgeteilt. Es ist nur eine kurze Notiz, aber sie ist ins historische Archiv gelangt. Dass Menschen sich manchmal zu den Omeganern verirren, ist zwar nichts aufregend Neues, aber dass ein Bitfuka, ein Erdling, von Oraat und Miana gehört hat, das ist noch nie vorgekommen.

Was die Ähnlichkeiten mit Ägypten angeht, so hat das auch schon einige omeganische Wissenschaftler interessiert. Es sind nicht nur der Nil und das Klima in der Hauptstadt Raat, sondern auch vorzeitliche Zeugnisse, die aufhorchen lassen. So ist etwa das Alt-Targische zu Beginn eine Bilderschrift gewesen wie das Ägyptische, und selbst Mumien aus der Zeit lange vor unserer Zeitrechnung haben wir gefunden. Viele der Totenkulte unserer Vorfahren sind solchen von Frühmenschen ähnlich. Heute vergraben wir unsere Toten oder verbrennen sie. Was nach dem Tod geschieht, wissen wir nicht, doch hat es im Laufe der Geschichte beeindruckende Omeganer gegeben, vor allem Meditatoren, die in den letzten Minuten ihres Lebens eine solche Atmosphäre von Sicherheit verbreitet haben, dass wir Vertrauen darin haben, dass der Tod nichts Böses ist. Es gibt über den Tod bei uns mehrere Theorien. In vielen Domra wird die Kommunikation mit den verstorbenen Ahnen gepflegt. Dort lebt man in der Realität, dass nur die Körper sterben, die Geister aber in einer uns verborgenen Welt ewig weiterleben. Es gibt viele Indizien, die dafür sprechen. Andere sprechen dafür, dass die Geister in neuen Körpern wiedergeboren werden, wieder andere sprechen dafür, dass auch die Geister sterben."

- Unterm Apfelbaum -

Ich ging im Gebiet der Schrebergärten der Stadt spazieren. Es hatte geregnet, was die Gerüche von frischem Gras und Äpfeln verstärkte. Während ich den Pfützen auswich, die mir auf dem Weg begegneten, stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn man den Begriff "Glauben" aus dem Wortschatz streichen würde. Wenn es keinen Glauben mehr gäbe, sondern nur Vermutung und Wahrheit. Was mochten die Omeganer sagen, um auszudrücken, dass sie einer Aussage nicht glaubten? Kam man wirklich ohne dieses Wort aus? Zweifel. Sie würden ein Wort für Zweifel haben.

Es war diesig. Wenn es in Deutschland ein paar Riesen geben würde, wären die Überschwemmungen wahrscheinlich nicht so schlimm. Sie würden einfach mit ihren Riesenhänden ein paar Gruben ausheben und schnell einige Kanäle ziehen, über die das Wasser ablaufen könnte.

Ein Schrebergärtner mit Strohhut stand an der Hecke seines Grundstücks, als ich vorbeikam. Ich fragte ihn, ob er auch Hochwasserprobleme habe. Nein, Gottseidank sei alles in Ordnung bei ihm, meinte er. Doch er befürchte, dass es noch schlimmer werden würde. Er befürchtete überhaupt, dass die Dinge sich immer mehr zum Schlechten wenden würden. Ich fragte ihn, was er wohl davon hielte, wenn am Horizont ein Riese erscheinen würde, der vierzig Meter hoch sei? Der Schrebergärtner wollte sich bereits abwenden und tat, als hätte er mich nicht gehört. Doch ich bestand darauf: "Bitte, stellen Sie es sich vor. Angenommen, es gäbe solche Riesen wirklich, würde Ihnen das Hoffnung machen? Würde es Ihnen gefallen?" Der Mann mit dem Strohhut war irritiert. Er dachte kurz nach und sagte: "Ich denke, wir haben schon genug Probleme. Solche Riesen wären doch genauso unkalkulierbar wie die Unwetter. So, ich muss jetzt wieder." Ohne zu verraten, was es war, das er musste, verschwand er aus meiner Wahrnehmung.

Es begann wieder zu regnen. Mir machte das nichts. Weiter vorn am Weg stand der Apfelbaum, zu dem ich unterwegs war. Dort wollte ich mich satt essen. Es war ein Gefühl von Freiheit, bei Hunger nicht in den Supermarkt zu gehen, sondern zu einem öffentlichen Apfelbaum. Ich kannte einige Bäume in der Stadt, die ich im Spätsommer und Herbst besuchte, in verschiedenen Parks. Bei mir um die Ecke stand auch ein Mirabellenbaum, direkt an einer Straßenecke, der seine gelben Früchte anbot. Jedes Mal, wenn ich zu einem dieser Bäume kam und mehr als ein oder zwei Früchte nahm, hatte ich das triumphale Gefühl, den Kapitalismus zu verraten und mit den Bäumen heimliche Sache zu machen.

Als ich den Apfelbaum erreichte, hatte der Regen an Heftigkeit zugenommen. Der Baum war nicht allzu groß, doch hielt er die meisten der Tropfen ab, wenn man sich darunterstellte. Über mir glänzten die vielen hellgrünen Früchte. Einige Äpfel fielen mir auf, weil sie so prall und unbefleckt waren. Da, dieser dort, er war perfekt. Er thronte recht weit oben inmitten einer Gruppe von Geschwistern, die ihn wohl verstecken und von seiner Anmut ablenken wollten, die ihn aber wegen ihrer eigenen Mangelhaftigkeit nur umso erhabener und prachtvoller erscheinen ließen. In einem ersten Impuls analysierte ich, wie ich an diesen Apfel herankommen konnte, dessen Schönheit mich geradezu herausfordete. In Gedanken stieg ich den Baum hinauf, untersuchend, wo ich dort oben Halt für Füße und Hände finden konnte. Doch kurz darauf merkte ich, dass ich dem Baum diesen Apfel gar nicht nehmen wollte. Majestätisch hing er da und ließ sich von mehreren Seiten betrachten. Kein Wurmstich war darin zu sehen und nicht die kleinste Unebenheit zu entdecken. Der Baum roch mild. Ich fuhr mit den Händen über seine Rinde, setzte mich dann und lehnte mich an ihn. Das Amulett kam mir kurz in den Sinn. Vor mir auf dem Sandweg plätscherte der Regen, als ich von einer Sekunde auf die andere in einen schlaf-ähnlichen Zustand versank und zum zweiten Mal durch das Sternentor rauschte.

- Wieder bei Suui -

Omega 5. Geheimnisvoller Planet, ich war wieder da. Und dort unten stand Suui, sie wedelte mit dem Amulett und war wohl in einer Trance. Wie oft mochte sie schon versucht haben, mich zu erreichen? Dieses Mal war sie nicht in einer Discothek, sondern in einer Art Kapelle. Kerzen leuchteten den Raum aus. Jetzt bemerkte ich auch weitere Gestalten, die rechts und links an den Wänden saßen und die Suui wahrscheinlich spirituell unterstützten. Ohne zu zögern ließ ich mich zu ihr ziehen. Für einen Augenblick kam es mir so vor, als sei ich nur ein Säugling, nur eine winzige Existenz, ohne Willen, ohne Initiative. Dann hatte sie mich aufgenommen und ich öffnete die Augen, die ihre Augen waren.

Die zweite Begegnung mit Omega 5 überraschte mich. Ich hatte es erreicht, aber wie ging es nun weiter? Ich wurde mir der Zerbrechlichkeit der Verbindung zwischen den Planeten bewusst und dachte an die Perlentaucher, die eigens ausgebildet wurden, um für ein paar Stunden das zu tun, was ich gerade tat: einen fremden Planeten erkunden. Ich war nicht gut vorbereitet, machte mir Vorwürfe, schob diese dann aber beiseite, denn ich war ja angekommen. "O Bitfuka" rief ich den Anwesenden zu, grinsend.

Die Omeganer schreckten zusammen. Bitfuka, das Wort für Erdling. Nun hatten sie Gewissheit über meine Herkunft. Sie legten ein Stück Papier und einen Stift an meine Seite, falls ich etwas schreiben oder zeichnen wollte, und ich zeichnete einen Kreis, in den ich Figuren setzte, die die sieben Kontinente der Erde repräsentieren sollten. Der erste Versuch war kläglich, also strich ihn wieder durch und zeichnete von vorne. Der zweite Versuch war besser. Bitfu, sagte ich noch einmal und die Omeganer taten etwas Seltsames: Sie hoben gleichzeitig ihr Kinn.

Es war unklar, wieviel Zeit ich zur Verfügung hatte. Ich musste versuchen, jemanden zu finden, der Deutsch oder Englisch sprach. "Miko Makao!" rief ich, natürlich, die Übersetzerin des Siddharta. Die musste ich finden. Die Leute verstanden, was ich wollte und führten mich zu einem Tisch, in den vier Bildschirme eingearbeitet waren, zu jeder Seite des Tisches einer. "Tiokan", sagten sie, ein wenig im Zweifel darüber, ob ich damit etwas anfangen konnte. Der Tiokan, alles klar. Ich sagte den Namen der Übersetzerin noch einmal und deutete auf den Bildschirm. Na los, versucht sie zu erreichen! Die Omeganer tuschelten miteinander, bis einer von ihnen sich die Ärmel seines Einteilers hochkrempelte und seine Finger über die Tastatur bewegte, die unter dem Bildschirm lag und ebenfalls in den Tisch integriert war. Die Buchstaben erinnerten mich entfernt an Runen, sie sahen fremd aus. Dann ertönte eine Stimme aus einem versteckten Lautsprecher, und der tippende Omeganer telefonierte mit der Stimme. Einige technische Geräusche kamen aus dem Lautsprecher, dann sprach eine andere Stimme aus dem Tiokan.

Ich betrachtete die Gruppe von Omeganern, die sich mit mir an den Tisch gesetzt hatte. Die vier synchronen Bildschirme flimmerten vor uns auf der Fläche. Die Omeganer sahen fast aus wie Menschen. Ihre Bewegungen waren leicht und rund. Wäre da nicht die Hautfarbe gewesen, würden sie bei uns auf der Erde nicht weiter auffallen. In diesem Raum trugen die Leute alle einen hellgrauen Einteiler, der wie ein eleganter Arbeitsanzug aussah, bequem und mit einer Kapuze, die sie aber nicht aufgesetzt hatten.

Eine der Frauen aus der Gruppe versuchte mir etwas zu erklären. Sie erzählte etwas über einen Aksan, aber ich verstand nicht, was der mit der Sache zu tun hatte. Wer war dieser Aksan? Mein Nebenmann berührte mich am Arm: "Taoh Rima, Miko Aksan". Er sah mir tief in die Augen. Nun begriff ich. Er war der Schüler von Miko und konnte offenbar weiterhelfen. Wieder tippte mein Gegenüber auf der Tastatur. Es erschien eine Art Homepage auf den vier Bildschirmen vor uns. Der Omeganer klickte durch ein paar Seiten. "Stopp!" rief ich, denn ich sah eine Zeichnung, die ich zu erkennen meinte. Es war ein Porträt. Es sah aus wie... Hermann Hesse. Tatsächlich. Dies musste die Siddharta-Übersetzung sein. Cool. Und da sah ich auch einige Wörter auf Deutsch. Eine Vokabel-Liste wohl. Großartig. Ich sah zu den Leuten herüber. Okay, verbindet mich mit Aksan, holt ihn ans Telefon! Sie versuchten es.

Die Omeganerin links neben mir hatte eine Idee. Sie redete auf die Anderen ein und diese hoben wieder ihr Kinn. Das war wohl das Zeichen für Ja. Die Frau klickte ein paar Mal und zeigte dann auf einen Fleck rechts neben dem Bildschirm. Sie sprach in diesen Fleck, während sie eine bestimmte Taste gedrückt hielt. Kurz darauf hörten wir das Gesprochene wieder. Aha! Eine Audiobotschaft. Sehr gut. Ich hob das Kinn und sagte: "Aksan!". Meine Tischnachbarin stellte alles ein und ermutigte mich dann zu sprechen. Ich verstand, dass ich eine Audiobotschaft hinterlassen konnte.

"Lieber Aksan", begann ich meine Rede, und dann erzählte ich ihm alles, was ich wusste. Dass ich mit Jonas zusammengetroffen war und dass ich ihn am Liebsten aufsuchen würde, was aber nicht voraussagbar war. Ich hatte allerhand zu berichten und konnte mich nachträglich nicht an jedes Wort erinnern. Als ich mit meiner Nachricht fertig war, sagte ich den Anderen Bescheid. Sie wollten den Tiokan gerade ausschalten, als ich noch einmal "Stopp!" rief, denn ich sah einige Fotos. Wer war das? Sie erklärten mir, dass die Person auf dem kleinen Foto Aksan war und die andere Person Miko Makao. Ich betrachtete die beiden Gesichter auf dem Bildschirm lange. Das war also die Frau, die Hesse ins Beritische übersetzt hatte. Alle Achtung.

Ich war ein ganzes Stück weitergekommen und Jonas würde stolz auf mich sein können. Wir schalteten den Tiokan aus und ich ging auf die Tür zu, öffnete sie, verließ den Raum. Draußen war es hell und heiß. Die Sonne blendete mich, ich konnte kaum etwas sehen. Die Luft indes war gut. Ich lief voran, erfuhr, was Omeganer fühlten, wenn sie sich auf ihrem Planeten bewegten. Eine gewisse Leichtigkeit lag in meinem Gang. Um mich herum hörte ich die Geräusche von Tieren, Hühnern vielleicht und Kühen. Langsam erkannte ich die Konturen. Da gingen einige Leute mit ihren Tieren am Straßenrand. Ein Auto fuhr vorbei. Die Leute blickten mich kurz an, grüßten, beachteten mich aber kaum. Sie sahen nicht mich, sie sahen Suui. Auf der anderen Seite der Straße war ein Markt. Die Gruppe überquerte die Straße, und ich ging hinter ihnen her. Leider kam ich nicht weit, denn der Sog zog mich zurück durch das Sternentor. Die Zeit war um. So sehr ich mich auch dagegen wehrte, es war stärker als ich. Schon verließ ich Suuis Körper, kaum dass ich die Straße überquert und mich hingesetzt hatte, um Suui ungefährdet aufwachen zu lassen. Ich sah sie noch von Ferne, wie sie sich aufrappelte, dann saß ich wieder unten am Apfelbaum, so als wäre nichts geschehen.

- Neue Fragen -

Es war gar nicht so einfach, mit den Erlebnissen zurechtzukommen. Doch ich leistete keinen Widerstand mehr, Omega 5 füllte mir den Kopf. Die Erinnerung an die Reise blieb ganz ungetrübt und war nicht von anderer Art als gewöhnliche Erinnerungen. Die Frage, ob ich an Jonas glaubte oder nicht, existierte nicht mehr in dieser Form. Ich hatte so viele neue Fragen und kaum jemanden, mit dem ich sie teilen konnte. Vielleicht würde ich der erste Erdling werden, der ein Buch aus dem Beritischen ins Irdische übersetzte. Vielleicht würde ich die Lemuren und die Erdmakara kennen lernen.

Ich erfuhr von einer Forschungsstelle über Trancezustände und Bewusstseinsveränderung an der Universität Gießen und machte mich vertraut mit verschiedenen so genannten trance-induzierenden Methoden. Damit konnte ich zwar mein fehlendes Studium auf Omega 5 nicht ausgleichen, doch war es auch nicht so, als hätte der Beat-Planet in dieser Hinsicht überhaupt nichts zu bieten. Was ich bei den Experten las, fügte sich vor dem Hintergrund meiner Reisen zu einem Bild zusammen.

Jonas kam mir inzwischen nicht mehr fremd vor, im Gegenteil, er wurde mir ein Freund, denn wir teilten die seltene Erfahrung, als körperloser Geist zu einem anderen Planeten gereist zu sein. Ich fragte Jonas nach seinen ersten Erfahrungen auf der Erde und danach, ob er mir noch mehr über Miko und ihre Arbeit erzählen konnte.

- Jonas und der Beat-Planet -

"Die erste Begegnung mit der Erde war ein Schock für mich, das will ich nicht leugnen. Ich hatte mich seit der Entdeckung für die Erde interessiert und war selbst mehrmals in Seminaren von Miko Makao. Sie hatte mir Sprachmaterial zur Verfügung gestellt und Vorträge über Bitfu gehalten. Den Siddharta besorgte ich mir von ihr in der zweisprachigen Ausgabe und so lernte ich mein erstes Deutsch.

Als ich dann hier war, naja. Ich hatte es mir doch anders vorgestellt. Ich hätte nicht gedacht, dass die Kultur-Unterschiede so groß sind, denn an der Oberfläche betrachtet sieht es gar nicht so aus. In der ersten Zeit habe ich mich an den schönen Orten auf der Erde aufgehalten, ich besuchte Museen und Tanzlokale, Parks und Strände, Kinos und Volksfeste. Später sah ich die andere Seite, den Hunger und die Armut, das Ungleichgewicht und die Geheimnisse und Trübungen. Da merkte ich, dass die Menschen nicht ganzheitlich denken. Lange habe ich mich gefragt, wie ein solches System überhaupt funktionieren kann.

Die öffentliche Diskussion über den Beat-Planeten, die seit etwa 40 Jahren bei uns geführt wird, ist lebhaft. Jährlich wächst unser Wissen über Euch, und ständig bringen die Perlentaucher neue Informationen dazu. In vielen Dingen finden wir eine Verwandtschaft zu Euch, in vielen anderen sehen wir Unterschiede. Bevor Taoh uns mit den Riesen vereint hat, waren die Unterschiede zwischen Omeganern und Bitfukara sehr viel geringer und das ist für uns besonders interessant, weil wir bei Euch so etwas wie ein Dčja-vu-Erlebnis haben. Wir sehen uns in einem Spiegel.

An der Diskussion nahm ich fast von Anfang an Teil. Millionen von Omeganern machten den Beat-Planeten damals zu ihrem Thema. Unsere Musik wurde durch Euch revolutioniert, unsere Literatur beeinflusst. Die Tragödie des Elften September hatten einige Meditatoren bereits einige Jahre vor der Tat gespürt, es lag eine große Spannung in der Luft. Ich selbst habe dann meinen Planeten von der Tat informiert, denn ich war damals schon hin und wieder auf der Erde. Das Ereignis und seine Folgen haben uns sehr schockiert und die Bitfu-Diskussion verändert. Es gab schon vor meiner Reise eine größer werdende Partei von Omeganern, die dafür eintrat, den Kontakt mit der Erde zu forcieren und dazu beizutragen, dass sich die Lage auf der Erde stabilisiert. Auf der Gegenseite standen die, die sich prinzipiell nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Planeten einmischen wollten und die sagten, dass die Bitfukara bislang auch ohne die Omeganer ausgekommen sind.

Ich gehörte zu denen, die den Kontakt forcieren wollten, da ich der Überzeugung war, dass die Kommunikation mit Omega 5 Euch und uns nützlich ist. Dass zum Beispiel Euer Gefühl für Zusammengehörigkeit wächst, wenn Ihr mit einem anderen Planeten konfrontiert seid. Ich hatte damals die These formuliert, dass das Ungleichgewicht auf der Erde durch eine solche interplanetare Bewusstmachung überwunden werden kann, dass die Ankunft der Omeganer zumindest positiv in diese Richtung wirkt.

Ende September 2000, nach Eurer Zeitrechnung, bot sich die erste Gelegenheit, konstruktiv zu handeln. Ein weiser Alter mit Namen Luqa sandte ein Notsignal von der Erde und bat um Hilfe. Wir hatten von Luqa bereits gehört, doch wissen wir nicht viel von ihm. Er nennt sich den Reisenden vom Nil und sagt, dass er zehntausend Jahre alt ist. Er ist meistens nicht sehr gesprächig und wir wissen nicht einmal, ob er von der Erde stammt oder von Omega 5 oder von anderswo. Trotzdem hat sein Wort bei uns seit langer langer Zeit Autorität. Vor zwei Jahren mischte er sich zum ersten Mal öffentlich ins Geschehen. Er begleitete damals einen Dichter, der sich im Netz der Liebe zu verstricken drohte, auf seiner spirituellen Reise. Es war dringend notwendig, dass jemand ihm beistand, und Luqa selbst konnte es nur bis zu einem gewissen Grad. Dieser Dichter war mein erster Wirt hier auf der Erde und ich half ihm bei seiner Aufgabe.

Als das erledigt war, suchte ich nach weiteren Menschen, die geeignet waren, um ein Bewusstsein von der Existenz von Omega 5 auf dem Beat-Planeten zu etablieren. Dabei erlebte ich viele größere Enttäuschungen und wenige kleinere Erfolge. Das Dogma von "Existenz ist Materie" machte mir arg zu schaffen. Dann gab es welche, die ich zwar davon überzeugen konnte, dass Omega 5 existiert und die ihre Wahrnehmungen nicht anzweifelten, die sie aber für eine Privatangelegenheit hielten in dem Sinne, dass sie sich nicht öffentlich zu Omega 5 äußern, geschweige bekennen konnten.

Heute kann ich etwas gelassener darüber sprechen, zumal ich mit diesem Buch zum ersten Mal seit meiner Ankunft wirklich das Gefühl habe, in aller Öffentlichkeit ich selbst sein zu können und mich nicht verstellen zu müssen. Es war eine wirklich seltsame Situation vorher. Immerhin bin ich auf diesen Planeten gekommen, weil ich ihn mag, weil er mich interessiert. Stell Dir eine Person vor, der sich in eine andere verliebt. So etwas gibt es ja auch bei Euch. Stell Dir vor, sie würde ihre Nähe suchen. Ja, wirst Du sagen, natürlich wird sie ihre Nähe suchen, wenn sie sie mag. Schön. Und denkst Du, es ist normal für sie, wenn sie der anderen Person sogar sagt oder zeigt, dass sie sie mag? Ja, wirst Du antworten, es ist das Normalste von der Welt, wenn sie es ihr sagt, sie wird den Wunsch haben, es ihr zu sagen. Sie wäre dumm, würdest Du vielleicht denken, wenn sie es für sich behielte, denn dann erführe sie ja nichts davon. Gut. Sie sagt es ihr also. Jetzt stell Dir wieder die andere Person vor und die wird misstrauisch. Sie fragt: Warum erzählst du mir das? Welche Erwartung hast du, wenn du es mir erzählst? Werden mir diese Erwartungen gefallen und was wirst du mit mir machen, wenn ich sie nicht entdecke und erfülle? Was willst du von mir? Was verlangst du von mir? Voilŕ.

Vielleicht liegt es wirklich an dem Batuum, aber Omeganer haben ein anderes Verhältnis zur Liebe als die Menschen. Auch für uns kann es ein Schock sein, wenn jemand uns seine Liebe anvertraut, aber es ist eine andere Art von Schock. Omeganer vergleichen die Liebe mit der Kin-Blume. Der Kin (mit langem i) ist die schönste Blumenart bei uns. Es vergehen einige Jahre, bis er zum ersten Mal blüht. Es ist ein zartes Gewächs, mit dem man vorsichtig umgehen muss, doch wenn du es ansiehst, nimmt es dich in seinen Bann. Auf der Erde jedenfalls hat die Liebe nicht dieselbe Realität wie bei uns. Da ist offenbar eine tiefe Skepsis, ähnlich wie bei der Person in dem Beispiel oben. Man merkt das nicht gleich, da ihr eine Trennung von Privatem und Öffentlichem vollzogen habt, die bei uns seit dem Oraat eine andere Gestalt hat. Gerne kannst Du mir hier widersprechen, ich sage das nicht, um die Erde zu kritisieren, sondern um meine Erfahrungen auszudrücken.

- Miko Makao -

Du hast mich auch nach Miko gefragt. Ich bewundere diese Frau wegen ihres Enthusiasmus' für die Erd-Kultur. Eine energetische Forscherin, die es versteht, die Leute zu begeistern. Einer der Perlentaucher hat mir berichtet, dass sie sich derzeit in Iram aufhält, weil auch die Riesen an der Erde interessiert sind. In Iram zu sein bedeutet auch, nicht jederzeit erreichbar zu sein. Zwar gibt es auch dort den Tiokan, aber man vergisst die Zeit, wenn man in Iram ist. Man besucht die Gärten, die man von der Kindheit her kennt und sieht nach, welche Kinder heute dort spielen, wo man selbst früher gespielt hat. Im Winter gehen alle in den Steinbruch, aus dem die Riesen für uns in jedem Jahr ein Eisparadies machen. Und ehe man sich versieht, ist schon ein Monat vergangen oder ein Jahr.

Miko ist Meditatorin und mit ihren 82 Jahren blutjung. Sie ist ziemlich populär auf unserem Planeten, da sie als eine der besten Kennerinnen des Beat-Planeten gilt. Heute lebt sie in an der Südküste von Myr in der Hafenstadt Yahala. Dort hat sie ein Institut gegründet und auch den Siddharta übersetzt. Mehrmals habe ich in Yahala gelebt und studiert, es ist eine schöne, alte Stadt mit historischen Hafenbefestigungen und einem berühmten Strand. Die Leute in Yahala sind bekannt für ihre Gastfreundschaft und ihre kulinarischen Spezialitäten. Die angrenzenden Domra leben recht gut vom Tourismus.

Vielleicht ist es gar nicht mehr nötig, dass Du Miko Makao kennen lernst. Derzeit sieht es so aus, als würde man bei uns Deine Echtheit prüfen. Von Aksan habe ich noch keine Nachricht, aber ich werde Dich auf dem Laufenden halten. Danke dafür, dass Du diese Ereignisse in Emails veröffentlichst, das ist sehr hilfreich."

- Alltag -

Ja, ich verstand wohl, wovon Jonas sprach. Das Erstaunliche an uns Erdlingen war, dass wir im Grunde wussten, dass unser Begriff vom Fortschritt überholt war und dass es viele Dinge gab, die man im Privaten ohne weiteres machen konnte, öffentlich aber besser nicht, ohne dass der Grund dafür bekannt wäre. Träumen zum Beispiel. Während meiner beiden Aufenthalte auf Omega 5 hatte ich gespürt, dass die Omeganer anders waren, doch es blieb nicht genug Zeit, um genauer herauszufinden, was es war. Ich wäre gern mal für eine längere Weile dort, doch war das wohl nicht möglich. Vielleicht, wenn ich viel übte und mehr Erfahrung hatte.

Seit ich Jonas kannte, veränderte sich mein Leben zunehmend. Ich dachte über andere Dinge nach als meine Umgebung und bekam Schwierigkeiten, weil Omega 5 mich so vereinnahmte, dass es mir nicht mehr reichte, darüber zu schreiben, ich musste auch darüber reden. Gerd aus der Bar konnte ich es erzählen, er hörte gerne zu und ging darauf ein, auch der grauen Katze, die seit einigen Wochen meine Terrasse aufsuchte, konnte ich es erzählen. Für die meisten Leute meiner gewohnten Umgebung wirkte es allerdings so, als hätte ich mich zu sehr in die Geschichte hineingesteigert, und sie warteten darauf, dass sich diese Phase wieder legte und ich zu den Themen des Alltags zurückkehrte.

Alltag. Verkörperte dieser harmlos wirkende Begriff nicht die ganze menschliche Tragödie? Alltag. Alle Tage wie ein Tag. Wie in dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier". Jeder Tag war gleich. Die Leute machten und sagten alle dasselbe, was sie am Tag zuvor gemacht und gesagt hatten. Der Ernst des alltäglichen Lebens. Sobald die Kinder in die Schule kamen, ging es damit los. Ich hatte nie viel Vertrauen in unser Schulsystem und habe Jahrzehnte gebraucht, um all das Zeug wieder aus dem Kopf zu bekommen, das man mir damals da hineingetan hat. Termine, Noten und Räson, eine traurige Zeit.

Kein Wunder also, wenn es auf Omega 5 anders war. Es kam mir so vor, als gäbe es dort nicht nur eine andere Auffassung von privat und öffentlich, sondern auch von ernsthaft und unterhaltsam. Als wären die Kontraste nicht so ausgeprägt wie bei uns. Ich wollte Jonas danach fragen. Das Erziehungssystem auf Omega 5 schien von den Neigungen der einzelnen Kinder auszugehen. Ob es dort gar keine Bewertungen gab? Und wie mochte das mit den Themen funktionieren? Wer kontrollierte die Ergebnisse und gab es auf Omega 5 keinen Bildungsstandard, keinen Kanon, kein Curriculum?

Bevor ich Jonas diese Fragen zuschickte, geschah etwas Überraschendes: Er rief mich an. Zunächst hatte ich gar nicht verstanden, was los war. Eine Frauenstimme mit einem deutlichen Akzent, den ich zunächst für einen italienischen hielt, grüßte mich und sagte, sie sei Jonas. Er rief mich von Sabrina aus an, aus Kassel. Wir redeten bestimmt eine halbe Stunde lang und später sprach ich auch mit Sabrina. Sie war Biologin und machte derzeit eine Forschung über die Waschbären in Kassel. Sie erzählte mir, dass es Dutzende Waschbären in der Stadt gab, die verschiedene Reviere hatten und die nachts die Mülltonnen leerfraßen. Das war mir neu. Ich fragte sie, ob sie eigentlich mit Jonas kommunizieren konnte, während sie ihm ihren Körper lieh, und sie antwortete, dass dies derzeit ansatzweise möglich sei und dass es eines Trainings bedurfte, welches sie während jedes Besuches von Jonas durchführte.

- Bildung -

"Lieber Anton, ich möchte Dich bitten, den Kulturaustausch zwischen Omeganern und Menschen nicht dadurch zu belasten, dass Du ihn für eine Abrechnung mit dem irdischen Bildungssystem verwendest. Du magst ja Recht haben damit, aber in diese Diskussion möchte ich mich zumindest nicht einmischen. Unser System jedenfalls ist in der Tat anders und ich kann es Dir auch gern etwas näher beschreiben.

Es stimmt schon, eine scharfe Trennung zwischen ernsthaften und heiteren Dingen haben wir nicht. Lehrpläne haben wir allerdings schon. Es gibt alternative Lehrpläne, man findet alle im Tiokan und kann sich einen aussuchen. Wir haben in Raat eine Art Bildungsministerium, aber dort werden keine Lehrpläne erstellt. Die Lehrpläne werden von den Experten bewertet und die Experten bekommen ihre Autorität durch ihre Arbeit. Wenn ich zu einem Thema arbeite und mir ein guter Lehrer begegnet, in natura oder in Buchform, dann kann ich ihn zum Experten erklären und meine Begründung im Tiokan veröffentlichen. Es gibt einen regelrechten Markt dafür und der wird in Raat im Bildungsministerium koordiniert. Dabei ist es nicht notwendig, eine akademische Laufbahn einzuschlagen oder ähnliches. Jeder lernt so viel, wie er lernen möchte. In dieser Hinsicht orientieren wir uns an den Alten und besonders den Meditatoren und die sagen uns, dass so ein Leben sehr lang ist und dass es mehr Spaß macht, wenn man ein großes Bewusstsein hat und daher lernt.

Als Geist halte ich mich manchmal in Universitäten auf. Mich interessiert die Ägyptologie. Da sitzen einige Rentner in den Vorlesungen. Die fallen richtig auf. Bei uns ist es normal, dass sich Leute allen Alters zusammenfinden, um zu lernen. Es gibt ein Basiswissen, das jeder Omeganer haben sollte. Einer der Fernsehsender ist darauf ausgerichtet, und die Familien sind stark beteiligt, es gibt auch eine Art von Elementarschule. Zu diesem Wissen gehört die beritische Sprache in Rede und Schrift, elementare Mathematik, die Koda Ka Miraat und die Benutzung des Tiokans. Ein bisschen Geografie ist nicht schlecht, damit man mit den Schum-Vögeln fliegen kann. Die meisten Leute, die ich kenne, haben aber darüber hinaus Themen. Außer den Lemuren und den Erdmakara. Ich meine, für irgendetwas interessiert sich doch jeder.

Wenn du ein Thema gefunden hast, kannst du es praktisch erforschen und theoretisch, wissenschaftlich und künstlerisch, aktiv und passiv, es mit einem Gelderwerb verbinden oder nicht. Fast alle Omeganer und Riesen haben ein Grundwissen über die Taxonomien. Durch die Taxonomien findet man schnell die einzelnen Wissensgebiete und die verschiedenen Einträge, darunter auch die aktuellen Lernmöglichkeiten und Seminare oder Institute. Wenn du zum Beispiel in der Rubriken-Taxonomie im Tiokan den Begriff "Knoten" eingibst, bekommst du Auskunft über die Definition des Knotens, über den mathematischen Aspekt und den psychologischen, Knoten in der Geschichte, der Biologie, der Systemtheorie, du findest Gedichte und Wirtschaftsgüter, eine Rubrik für die Lehre und die Schriften und für die Pioniere und die Entwicklung des Themas. Dort findet man übrigens auch einen Link zu meinen interdisziplinären Untersuchungen zur Knotentheorie, ausgehend von der Frage, wann sich ein Knoten in einen anderen überführen lässt und wann er ein Original ist. Nach meinen Forschungen gibt es Gemeinsamkeiten in der Mathematik, der Psychologie und der Systemtheorie, in der es ja auch Knotenpunkte gibt. Doch ich möchte nicht abschweifen. In der Rubriken-Taxonomie findet man das gesamte Assoziationsfeld. Ich hatte Dir ja erzählt, dass auch die Omeganer auf ihre Art das Gehirn nachbauen, und das geschieht durch die verschiedenen Taxonomien, die unser Wissen strukturieren.

Eine weitere wichtige Taxonomie ist die historische Taxonomie. Hier werden die Daten chronologisch sortiert, ähnlich wie bei einer Zeitung. Desweiteren gibt es eine Gehirn-Taxonomie, in der zwei Bereiche sind für digitales und analoges Denken. Im ersten Bereich werden Fächer subsumiert wie Lesen und Schreiben, Logik, Kritik und Mathematik, im zweiten Farben und Formen, Rhythmen, Intuition und visuelles Denken. Auch die Lexikon-Taxonomie gehört zu den wichtigsten. Hier findet man die Informationen zu einem Thema alphabetisch, ähnlich wie in einem Konversationslexikon oder auch einer Suchmaschine im Internet. Diese Taxonomien überschneiden sich und bilden ein bewegliches Wissensgeflecht, das uns auf jede Frage schnell eine Antwort gibt. Übergeordnet gibt es eine Meta-Taxonomie, dort werden alle Taxonomien zusammengestellt in einem System, das von der Funktion her so ähnlich ist wie Aristoteles' Einteilung der Wissenschaften. Allerdings ist es flexibler, weil wir es ständig den Gegebenheiten der Zeit anpassen.

Es ist nicht ganz einfach, das mit der Erde zu vergleichen. Es gibt Domra und Länder, die bestimmte Bildungskanons favorisieren, über die Qualifikation eines Studenten sagt das aber wenig aus. Interessanter ist da schon, welchen Wissensgrad jemand erreicht hat und erreichen möchte. Denn insofern gibt es bei uns Einstufungen, als die Meditatoren die Studenten betreuen, die eigenständig zu einem Thema arbeiten und die gezeigt haben, dass sie für tieferes Wissen bereit sind. Die Meditatoren haben wegen ihres Alters und ihrer Weisheit den besten Überblick über die Taxonomien und sind Hüter des Wissens. Manche Meditatoren betreuen zweitausend Studenten und mehr. Bevölkerungsmäßig stellen die Meditatoren nur eine kleine Minderheit dar, aber ohne ihr Lenken und ihr Gedächtnis würde das omeganische System ebenso wenig funktionieren wie ohne die Gara. Obwohl ich bei Miko Makao studiert habe, bin ich noch mehr Schüler von Kara, einer Meditatorin, die heute 1400 Jahre alt ist und die in der Umgebung von Raat lebt. Von ihr lernte ich die Geheimnisse des Sternentors und viele andere Dinge. Ich kenne sie schon sehr lange und wir haben viel zusammen erlebt."

- Anton wird vermisst -

"Noch einmal melde ich, Jonas, mich zu Wort, sieben Tage, nachdem der obige Beitrag über Emails verbreitet worden ist. In diesen sieben Tagen hat Anton nicht geschrieben. Er geht auch nicht ans Telefon. Normal ist das nicht, denn er hat immer recht schnell geantwortet. Ich bin einigermaßen ratlos, denn ich konnte ihn nirgends finden. Als Geist habe ich die Möglichkeit, große Distanzen in kurzer Zeit zu überwinden, und so suchte ich ihn in Berlin, wo Anton wohnt, doch ich konnte nichts erreichen. Natürlich bin ich besorgt und hoffe, dass es sich zum Guten wendet.

Es ist noch etwas anderes geschehen, und das ist erfreulicher. Einer der Perlentaucher berichtete mir, dass Aksan inzwischen auf Antons Nachricht reagiert hat. Er hat sich schriftlich im Tiokan dazu geäußert und der Perlentaucher hat den Text auswendig gelernt, um ihn mir zu bringen. Es scheint, als sei der Kulturaustausch bereits in vollem Gange. Sabrina hat die Emails gesammelt und ich werde sie weiterschreiben, solange er fort ist. Es scheint mir am einfachsten zu sein, Aksans Bemerkungen an dieser Stelle wörtlich wiederzugeben und damit das dritte Kapitel aufzuschlagen."

Drittes Kapitel >>

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