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ROCK'N'ROLL
Nachricht von Ozzy Balou
Eine Rekonstruktion
von Anis Hamadeh
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(1) Ulrich S. : "Ich muss zugeben, dass mich der Gedanke schon ein wenig amüsiert, dass ihr tatsächlich glaubt, die Gesellschaft verändern zu können. Inzwischen bin ich ja soweit, dass ich den Argumenten zuhöre, die ich hier lese, mit so viel Unvoreingenommenheit, wie es mir möglich ist. Vieles leuchtet mir ein, einiges finde ich sogar wirklich bemerkenswert, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es etwas bewirkt. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Nehmen wir die Globalisierungskritiker oder was man so nennt: Ozzy hat geschrieben, dass die Presse sie totschweigen würde. Da habe ich einen ganz anderen Eindruck. Ich finde, dass sogar ziemlich viel über sie geschrieben wird. Ich glaube nicht, dass die Presse so stark zu kritisieren ist. Die Presse ist nicht dafür da, um revolutionäre Ideen auszuprobieren oder zu propagieren, sondern sie soll den Bürgern erklären, was wirklich geschieht jeden Tag. Nicht, was jemand träumt oder sich vorstellt, keine Verallgemeinerungen, sondern die Fakten. Was das BLUESLAND angeht, so möchte ich Maja B. und Silke P. meinen Respekt dafür aussprechen, dass sie sich nach all der Zeit noch einmal in diesen Fall hereinhängen. Das imponiert mir schon."

(2) Karin R. : "Der Held benutzt Gewalt... Seit ich die Chronik lese, sehe ich die Fernsehspielfilme mit ganz anderen Augen. Es springt förmlich ins Auge, dass der Filmheld oder die Filmheldin in Actionfilmen, aber auch in Fantasy-Filmen, stets und fast ausnahmslos durch Gewalt zum Ziel kommt. Immer ist es so, dass es Gegnerschaften gibt, bei denen die gegnerische Gruppe gewalttätig ist, weshalb die eigene Gruppe ebenfalls zu Gewalt greifen und einfach nur stärker sein muss.

Das Paradoxe an diesen Filmen ist, dass sich der Gegner normalerweise genau dadurch definiert, dass er gewalttätig ist. Was man also ablehnt, und was den Gegner erst zum Gegner macht, ist die Gewalt. Dadurch nun, dass der Held dieselbe Gewalt benutzt, identifiziert er sich mit dem, was er bekämpft, ja, er wird zu dem. Und dasselbe kann man wohl auch von den Amerikanern sagen. Die Bilder des Fernsehens und des Kinos strukturieren das. Wir sind es gewohnt, unsere Gewalt dadurch zu legitimieren, dass wir sie im Gegner sehen. Faktisch ist Gewalt gleich Gewalt. Es gibt sicherlich unterschiedliche Motive, aber ohne eine gemeinsame Ethik wird man, wenn es so etwas gibt wie eine gerechte Gewalt, höchstens durch Zufall darauf stoßen und es auch kaum begründen können."

(3) Webmaster : "Durch den Cyberspace reise ich, ein Weiser bin ich, und Webmaster nennt man mich. Nach einer kurzen Zeit der Pause bin ich wieder da. Man wird sich doch wohl noch an einem Fraktal verschlucken können! So etwas kommt schon mal vor. Das ist völlig normal. Mo hat mich gefragt, was mein Situationslexikon zum Thema Didaktik sagt. Dies ist in der Tat ein besonderer Eintrag, und ich bin noch nicht fertig damit, denn es gibt alternative Szenarien für Lernprozesse.

Das Hauptszenario für die Situation didaktischer Prozesse besteht aus drei Elementen: Einem Sender, einem Empfänger und einer Information. Dabei wird die Information vom Sender verpackt, etwa in einen Satz oder ein Buch, und der Empfänger erhält die Nachricht und packt sie aus, entschlüsselt sie also. Es wurde bereits angesprochen, dass Lernprozesse in unserer Kultur meistens so gesehen werden, als würde der Lehrer den Schüler mit etwas füllen, ‚eintrichtern' sagen wir ja auch dazu. Zoltan hat mir geschrieben, dass dies in der Metapherntheorie die ‚Conduit Metaphor' genannt wird. Ein Conduit ist eine Art Pipeline, durch die die Information geschickt wird. Ohne diese Metapher gäbe es keine Computer, kein Fernsehen und kein Telefon, denn wenn die Erfinder nicht in dieser Metapher gedacht hätten, hätten sie nicht zu diesen Ergebnissen kommen können. Auch die übergeordnete Situation des Erziehungsprozesses ist abstrakt, muss also metaphorisch konzeptionalisiert werden, um für uns einen Sinn zu ergeben. Im Wort ‚Erziehung' steckt ‚ziehen', wie man Gemüse im Garten zieht. Die lateinische Metapher ist die des Hindurchführens, denn dies ist die Bedeutung des Wortes ‚educare', von dem zum Beispiel das englische ‚education' stammt.

Der Haken an dieser Metaphorik ist, dass sie nur einen Teil der Situation erfassen kann. Ich muss zugeben, dass ich mit dem Didaktik-Szenario auch nicht zufrieden bin. Daher verstehe ich auch ganz gut, warum die Imagisten gegen Didaktik waren: Die Conduit Metaphor ist zu eng gefasst. Das oben gezeichnete Didaktik-Szenario stellt nämlich eine Kontrollsituation dar, und Künstler sind oft der Ansicht, dass man in Kontrollsituationen nicht viel lernen kann. Es geht ferner von einer Objektivität von ‚Information' aus, wenn es heißt, der Lehrer transportiert sein Wissen zum Schüler. Überhaupt ist die Position des Schülers in diesem Szenario oder Rahmen eher passiv, was meiner Ansicht nach gar nicht zum Lernprozess passt. Über den Schüler wird ausgesagt, dass er Empfänger oder Konsument ist. Dies wird flankiert von der Vorstellung, dass lernen Arbeit bedeutet, aber man kann diese Arbeit nicht aus dem Szenario ableiten, sie wird in unserer Vorstellung meist zum ‚Auspacken' oder ‚Verdauen' von Information. Dem Szenario fehlt die Dynamik.

Ich habe den von Zoltan erwähnten Artikel von Donald Schön gelesen. Er sagt dort, dass es unsere Vorstellung ist, die unsere Realität strukturiert. Wir sehen keine Dinge, sondern wir sehen die Dinge als irgendwas. Einen Pinsel sehen wir zum Beispiel als ein Instrument, um Farbe auf ein Papier zu übertragen. In dem Schön-Artikel wird das Beispiel eines Erfinders gegeben, der den Pinsel als eine Pumpe konzeptionalisiert. Anstatt sich auf die Verbesserung der Borsten zu konzentrieren, betrachtete er die Zwischenräume zwischen den Borsten und sah sie als Kanäle, in der die Farbe gespeichert und dann im Malprozess herausgepumpt wird. Aufgrund dieses veränderten Sehens gelang es dem Forscher, eine verbesserte Form des Pinsels herzustellen.

Alternative Formen, Lernprozesse zu sehen und zu verstehen, wurden in der Chronik bereits angesprochen, und sie scheinen mir nützlich zu sein. Der Schüler wird als Zentrum der Situation betrachtet, und der Lehrer hat die Aufgabe, seine Fähigkeiten zu entwickeln. In diesem Szenario gibt es keine Informations-Pipeline, vielmehr sendet der Lehrer nur einen Impuls, der den Schüler dazu anregt, einen eigenen Prozess zu beginnen. Der Lehrer kann nichts vermitteln, er kann nur öffnen und ein Klima schaffen. Der Vorteil an diesem Szenario ist, dass es der aktiven Rolle des Schülers gerecht wird und dass es keinen Kontrollcharakter hat. Auch ist Information hier nichts Objektives, was die Individualität des Lernenden betont. Wenn wir dieses Szenario oder diesen Rahmen ausarbeiten, stoßen wir vielleicht auf praktisch verwertbare Erkenntnisse ähnlich der in der Pinsel-Episode.

Wenn Sie weitere Fragen über den Sinn des Lebens haben und Ihr Karma es zulässt, dann suchen Sie mich im Cybercafe auf, und ich werde Sie vielleicht retten können. Sie finden mich in bester Laune zwei Klicks hinter Ihrer Suchmaschine."

(4) Chong : "Vielleicht hat es gar nichts mit den Themen der Chronik zu tun, aber ich finde die Entscheidung über das Namensrecht interessant, bei der festgelegt wurde, dass Kinder keine Doppelnamen annehmen dürfen, um so Namensketten zu vermeiden. Das mit den Namen ist ja auch ein Problem der patriarchalischen Gesellschaft, denn üblicherweise ist der Mann der Namensgeber für die Familie. Im Prinzip ist das ungerecht. Die gerechteste Lösung, die mir in den Sinn kommt, ist, dass Töchter den Nachnamen der Mutter annehmen und Söhne den der Väter, für den Fall, dass sich die Eltern nicht auf einen gemeinsamen Nachnahmen einigen. Ich finde das salomonisch, denn bei dieser Lösung kann sich keiner beschweren. Es gibt den Einwand, dass der obligatorische ‚Familienname' zur Identität der Familie gehört, wie das Wort bereits zeigt. Ich denke jedoch, dass es an der Familie selbst ist, diese Identität aus sich heraus zu entwickeln, ohne sich dabei auf formale Kriterien stützen zu müssen."

(5) Dieter Z. : "Der prototypische Rock'n'Roll-Song ist meiner Ansicht nach BLUE SUEDE SHOES von Carl Perkins. Carl Perkins war bei SUN RECORDS in Memphis, wie auch Elvis, und er kam vom Country. Als in den frühen 50er-Jahren die Rassenschranke in der Popmusik durchbrochen wurde, entwickelte sich aus der Country & Western-Musik der Rockabilly, der Elemente des Blues und vor allem des Boogie verwertete. Carl Perkins machte 1956 Rockabilly, auch Gene Vincent und Eddie Cochran sind typisch. Am Song BLUE SUEDE SHOES sieht man den Umbruch zum Rock'n'Roll. Carl hatte den Song im März 1956 in die BILLBOARD-Charts auf Platz 2 bekommen, und Elvis - inzwischen zu RCA gewechselt - brachte ihn einen Monat später noch einmal in die Charts.

Während sich Carl Perkins' Version auf einen Country-Rhythmus stützt, ist Elvis' Aufnahme die explosive Version. Das liegt an Elvis' Persönlichkeit, die in seinen Rhythmen zum Vorschein kommt. Rock'n'Roll. Ohne Elvis' individuelle Persönlichkeit hätte es keinen Rock'n'Roll in der Form gegeben. Die Hauptaussage des Songs ist: ‚Du kannst mich behandeln, wie du willst, mich bestehlen und schlecht über mich reden, aber komm mir nicht in die Quere, tritt mir nicht auf die Schuhe, denn ich bin souverän.'

Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis des Rock'n'Roll, nicht in den Samstag-Nacht-Klischees. Hier zeigt sich sein emanzipatorischer Ursprung. Denn diese Botschaft wird in einer bestimmten Form angeboten, sowohl rhythmisch, als auch textlich. Über den Rhythmus habe ich schon gesprochen. Textlich ist bemerkenswert, dass die emanzipatorische Botschaft des Songs als Unterhaltung präsentiert wird, und nicht etwa als Kritik. Zudem ist der Text, ebenso wie der Rhythmus, bereits ein Ausdruck der Freiheit, die im Song beschworen wird. Durch seine humorvollen Elemente (‚you can drink my liquor from an old fruit jar') und besonders durch seinen Beginn (‚Well it's one for the money, two for the show, three to get ready, now, go, cat, go'), welcher - wie oft in der Popmusik - aus dem Fundus der Mother-Goose-Reime stammt, die auch ‚nursury rhimes' genannt werden, weil die englischen Kinder sie von ihren Tagesmüttern vorgelesen bekommen haben. Nonsense-Reime, die auch Lewis Caroll in seinem Buch ALICE IM WUNDERLAND verwendet hat.

Durch diese Elemente ist der Song BLUE SUEDE SHOES ein typischer Rock'n'Roll. Auch der Materialismus, die Rock'n'Roll-Lüge, die ich für eine Kinderkrankheit halte, wird gleich zu Beginn mitgeliefert: ‚It's one for the money, two for the show'. Dies ist eine Abwandlung des ursprünglichen Reims und daher besonders wichtig. Ich glaube, die Crux liegt bei ‚show'. Rock'n'Roll ist seinem Wesen nach eine Show, denn der Künstler baut über dieses Sich-Zeigen das Vertrauen zum Publikum auf, welches dazu führt, dass seine Botschaft angenommen wird und dass darüber hinaus alle eine gute Zeit miteinander haben. Der junge Rock'n'Roll war jedoch fasziniert von sich selbst und seiner Wirkung, weil die Rock'n'Roll-Stars in sehr kurzer Zeit einen unglaublichen Ruhm erlangt hatten. Das musste verarbeitet, abgefeiert werden.

Elvis wusste das. Es ist kein Zufall, dass er in der Frank-Sinatra-Show nach seiner Militärzeit in Deutschland den Song FAME AND FORTUNE (how empty they can be) gewählt hat. Die vier Jahre des Rock'n'Roll als Modeerscheinung waren da bereits zuende. Elvis konnte die Idee nicht weiterentwickeln, das war auch nicht seine Aufgabe. Dylan tat es. Er politisierte den Rock'n'Roll. Dylan war jedoch schüchtern. Lennon fasste die beiden zusammen. Er lebte den politischen Rock'n'Roll auch jenseits der Bühne. Aber auch Lennon experimentierte noch. Er hat die Rock'n'Roll-Lüge nicht überwinden können, die den Rock'n'Roll als politische Bewegung verhinderte. Nach Lennon dann ist der Rock'n'Roll zur bloßen Form und zum Ritual verkommen, welcher zwar immer noch kreative Superstars hervorbringen, aber Elvis' Idee nicht fortführen konnte."

Redaktion in Kiel, 04.02.02

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