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THEO FIEBERBRAIN IN GOLEM CITY
Anis 02.07.99 (#1)


Zeichnung von Heinke Vollers. Zur Vergrößerung hier klicken. Mehr Bilder von Heinke hier
Theo Fieberbrain hatte sich schon lange gefragt, was mit dieser Welt eigentlich nicht in Ordnung war, als er an einem Samstag auf dem Flohmarkt von einem Chinesen angesprochen wurde. Der sagte ihm, er sähe aus wie einer, der sich Gedanken darüber mache, was eigentlich mit der Welt nicht in Ordnung sei, wegen dieser ständigen Zwischenfälle. Theo drehte sich zu dem Alten hin und sah in seiner Hand ein silbernes Brillenetui mit bunten Mustern darauf. Bei einer Schale Tee erfuhr er, dass der Inhalt dieses Etuis ein besonderer war. "Deine Augen", sagte der Chinese, "sind die eines Kindes. Du wirst durch diese Brille sehen. Ich bin wirklich froh, dich gefunden zu haben." Nun war Theo Fieberbrain ein Mensch, den so leicht nichts aus der Ruhe bringen konnte. "Wird sie mir helfen, meinen Traum wiederzufinden?" fragte er. Der Alte betrachtete für eine Weile die Brille und dann Theo und sagte: "Sie ist ein Werkzeug. Was du damit machst, ist allein deine Sache."

Theo nahm die Brille und machte sich auf in die Stadt, um seinen Traum wiederzufinden. Als er sie aufsetzte, verwandelte sich vor seinen Augen die Schrift auf dem Ortsschild, und er las: Golem City. Die Stadt war in ein gelbrotes nebliges Licht getaucht. Es war angenehm und machte jede Bewegung leicht. Entspannt erreichte er die Hauptstraße und die ersten Menschen. Sie schienen wie sonst auch, bis auf einen Unterschied: Überall aus ihren Körpern wuchsen Messer. Waren es wirklich Messer? Theo kam näher, um diese Frage zu klären. Ja, es waren welche, und nun sah er auch, dass all die Leute, die da an ihm vorübergingen, überall Schnittwunden hatten, einige mit Blut verkrustet, andere noch frisch und in der Luft trocknend.

Er sah jemanden, den er kannte und grüßte ihn mit einem Winken: "Fred! Du warst doch bei mir, im strengen Winter, damals!" Und Fred kam auf ihn zu und sprach mit ihm. Dabei stieß manchmal ganz plötzlich eine der Klingen aus seinem Körper hervor, wie die Zunge eines Chamäleons, und Theo wich nach hinten aus, im Reflex. Er nahm die Brille ab und sah den Sonnenschein, die Menschen auf der Straße, keine Messer, keine Wunden. Fred stand da, lächelte, und beide wunderten sich sehr. "Was ist denn mit dir los?" fragte Fred, und Theo setzte schnell die Gläser wieder auf, um einem neuerlichen Degenstoß zu entgehen. "Ich habe eine neue Brille", sagte Theo und ging weiter.

Wo immer er Menschen im Gespräch sah, bemerkte Theo Fieberbrain, wie die Klingen ausstachen. Aus den Bäuchen und den Beinen, aus den Köpfen sogar. Als er näher herantrat, erkannte er, daß die Haut der Menschen dunkel und ledrig war, wie der Panzer eines Ur-Tieres. Von weitem schienen sie viel heller und freundlicher. Sie verzogen keine Miene, wenn sie getroffen wurden. Oft flitzten die Messer abwechselnd hin und her, bei einem Kaffee mit Gebäck. Während die meisten Leute weder etwas davon zu wissen schienen, dass sie ständig getroffen wurden, noch davon, dass sie selbst über diese seltsamen Instrumente verfügten, gab es andere, die im Halbdunkel eines Hauseingangs heimlich ihre Waffen pflegten und mit der Zunge säuberten, bis sie zu blitzen und blinken begannen. Die Messer dieser Leute waren länger, und ihre Gesichter waren nicht so ledrig, wie die der anderen. Attraktiv waren sie wohl, und doch lag ein unheimlicher Zug um ihre Mundwinkel.

Und noch etwas erregte Theos Aufmerksamkeit: Wenn sich die Menschen berührten, dann hellten sich die Gesichter gleich auf, dann heilten die Verletzungen an den Stellen, wo sie berührt wurden. Er sah eine fröhliche schöne Frau, die ihrem Mann heftige Wunden beibrachte, immer an derselben Stelle. Sie nahm ihn hinterher in den Arm und küsste die Stelle, bis sie wieder verheilt war. Und er sah einen erfolgreichen gutaussehenden Mann, der seine Frau ganz böse traf, immer wieder, oh Gott! und seine Kinder. Auf seinen Eisen stand geschrieben, dass nur er es durfte. Und auf ihren kleinen Klingen stand geschrieben, dass sie es ihm ewig danken würden.

Schnell ging Theo weiter. Er folgte dem Zug der Ledermenschen, die sehr viele waren. Alle wollten sie allein gehen, vielleicht ahnten sie, was sie taten. Und ließen einander nun in Ruhe. Wohin gingen sie? Theo reihte sich ein und ging mit ihnen. Vielleicht konnte er hier etwas über seinen Traum erfahren. Dann würde er endlich schlafen können. In einem Schaufenster sah er sein Spiegelbild. Er sah, dass seine Haut anders war. Pfirsichhaut. Theo lachte. Das war er nicht. Und dann diese Brille! Das war er nicht. Er kannte seine Narben. Und er bemerkte noch etwas: Aus seinem Körper kam eine Art von Laserstrahlen. Ganz weiß, ganz heiß. Er erschrak, und ihm fiel das Gesicht des Chinesen wieder ein und seine Worte.

Der Gang verlief ruhig. Die Menge trottete die trübe Straße hinauf, und die Klingen blieben eingezogen. Eine gewisse Furcht schien die Menschen daran zu hindern, den leichten Weg zum Hafen zu nehmen. In Richtung der Wolken sollte es stattdessen gehen, ganz nach oben. Wenn alle Ledermenschen sich versammelten, dort oben im Olymp, und die Fleischtöpfe plünderten, wenn sie sich selbst erschaffen könnten - die Unsterblichkeit. Sie alle gingen die Stufen des runden Turms hinauf, der kein Geländer hatte, Theo Fieberbrain unter ihnen. Als er die Steine genauer ansah, aus denen der Turm gebaut war, blieb er plötzlich stehen und kehrte nach unten zurück. Immer an der Wand lang, immer an der Wand lang. Damit ihn niemand sah, wie er ging. Damit er nicht im Wege stand.

Unten lag der Hafen. Kein Schiff zu sehen. Theo legte sich an den Strand und hörte den Wellen zu. Er legte die Brille zurück ins Etui und würde sie später in seine Waffenkammer bringen. Er sah in den Himmel, bis dieser ganz aufgeräumt war, und er träumte von seinem Traum. Diesem Traum, der eines Tages an seine Tür geklopft hatte, als er unter der Dusche stand und eine Kassette von den Beatles hörte. Als er, von einem Handtuch umwickelt, triefend und grinsend die Tür öffnete und gar keiner da war. Ein Lausbubenstreich. Theo schüttelte den Kopf. I've got a feeling. "Am Schluss hat es immer mit einer Frau zu tun", sagte ihm da plötzlich eine gutmeinende Stimme, und er sank in einen leichten Schlaf, wissend, dass er in seinem Bett aufwachen und dass alles wieder gut sein würde. Irgendwann.