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THEO FIEBERBRAIN UND DER DSCHINN
Anis (#2)


Zeichnung von Heinke Vollers. Zur Vergrößerung hier klicken. Mehr Bilder von Heinke hier.
Theo Fieberbrain hatte sich schon lange gefragt, was mit der Welt eigentlich nicht stimmte, als er eines Tages im Supermarkt von einem Afrikaner angesprochen wurde, der eine schwarze Lederjacke und Rastafari-Farben verstreut an seinem Körper trug. "Du bist der Mann, der sich fragt, was mit dieser Welt eigentlich nicht stimmt", sagte er und verwendete den Zeigefinger zur Unterstützung seiner Aussage. Dann schaute er verschwörerisch nach rechts und links und holte eine Kassette hervor. Auf der Hülle sah man gelbe Muster vor einem schwarzen Hintergrund. Wie ein Baumgeäst, durch das ein heller Schein trat. "Afrikanische Trommeln, mein Freund!" sagte der Mann, legte die Kassette in Theos Hand und verschwand. Theo konnte sich nicht einmal bedanken, so schnell war er fort.

Theo ging nach Hause und probierte es aus. Er machte es sich auf seinem Futon bequem, nahm den Kopfhörer und lauschte den afrikanischen Trommeln. Weil ihm danach war, zündete er auch eine Kerze an. Die Rhythmen waren ganz nach seinem Geschmack. Da geschah es, dass aus der Kerze ein Geist entströmte, etwa so, wie man es aus Fantasy-Filmen kennt. Eine feingesichtige, wohlaussehende, schwarzhaarige Frau in weißem Kleid erschien vor Theo im Zimmer. Nun war Theo Fieberbrain kein Mann, der leicht aus der Fassung zu bringen wäre. Er griff zu seinen Zigaretten, nahm eine aus der Schachtel, und bevor er sie sich in den Mund steckte, fragte er den Geist: "Möchtest du vielleicht rauchen?"

Der Geist lächelte. Er schwebte in einer halb weißen, halb transparenten Wolke, deren Ränder man nicht sehen konnte. Es war an diesen Stellen, als wäre der Betrachter blind, es war das Nichts. Wie bei "Die Unendliche Geschichte". In der Mitte aber, aufgetürmt in hellem Schein, der doch nicht anstrengend war für das Auge, sondern vielmehr angenehm, weihnachtlich fast, diese friedliche Person mit den Zügen eines kleinen ozeanischen Sonnenkindes, bis an die Decke ragend, überproportional, vornübergebeugt etwas, wie in einem Hohlspiegel, und wunderschön anzusehen. Entgegen seinen Erwartungen zeigten sich auf Theos Stirn nun einige Schweißtropfen, und sie sagte: "Ich heiße Lara und bin - ein Dschinn. Und du brauchst keine Angst vor mir zu haben." "Na, dann ist es ja gut", erwiderte Theo und legte eine kurze Pause ein.

"Was ist ein Dschinn?" wollte Theo dann wissen, und er erfuhr, dass Dschinnen Geschöpfe seien wie die Menschen, nur dass die Menschen aus Erde gemacht seien und die Dschinnen aus Feuer. Deshalb lebten die beiden Geschöpfe in verschiedenen Welten. Gelegentlich komme es aber vor, dass ein Dschinn oder ein Mensch die Grenzlinie findet. Bei solchen Treffen wisse dann meist keiner der beiden, wer eigentlich den anderen gefunden hat. In seltenen Fällen komme es auch zu Symbiosen, in denen sich ein Mensch und ein Dschinn zusammenschließen. "Warum schließen sich zwei Leute zusammen?" fragte Theo, und Lara antwortete: "Weil sie ein gemeinsames Ziel verfolgen." Theo fragte weiter: "Gibt es noch andere Gründe?" Und der Dschinn antwortete:" Ja, es gibt viele andere Gründe, aber keiner von ihnen ist erfolgreich." Theo schlug die Augen nieder und fragte: "Wonach suchst du, Lara?", und sie antwortete: "Nach meinem Traum. Ich suche den Traum, den ich bei meiner Geburt geträumt habe, und den ich vergessen habe. Ich vermisse ihn, wie eine süße Melodie, zu der ich als kleiner Dschinn getanzt habe." Und Theo schaute wieder auf, ohne mit der Wimper zu zucken, und sagte: "Erzähl mir noch ein bißchen mehr von diesem Symbiose-Zeug!"Er nahm die Kassette aus dem Rekorder, drehte sie um und versank erneut im afrikanischen Rhythmus.

Es war sehr früh am Morgen. Die nackten Jäger hatten ihre Pfeile gespitzt und gingen auf Affenjagd. Ihre Füße waren leise. Sie zogen durch den Wald. Ihre Augen spähten in die Bäume, denn dort schliefen die Affen. Im Schlafe waren sie leichter zu treffen. Das ganze Dorf brauchte Nahrung. Man würde die Tiere auf dem Rücken nach Hause tragen, stolz, und die Frauen würden die Leiber in die Glut legen, bis sie gar waren. Die Kinder würden mit den abgekühlten verbrannten Affen spielen. Wenn die Männer dann kämen, würden die Frauen die Tafel bereiten. Auch die Frau vom Nachbardorf. Man hatte sie aufgenommen und nicht getötet, weil einer der jungen Krieger sie zur Frau wollte. Sie hatte ein Kind zur Welt gebracht und war sehr still.

Als abends die Hüttenmenschen satt am Feuer saßen, zufrieden lachend, Geschichten erzählend, kopulierend, als die Sonne bereits untergegangen war, da trauten sich Theo und Lara aus ihrer Deckung. Von einer Anhöhe, in sicherer Entfernung, beobachteten sie die Siedlung. Theo sah sie an. Sie hatte menschliche Gestalt angenommen und war von elfenhafter Erscheinung. "Was zeigst du mir hier?" fragte er erschauernd. "Es sind deine Leute, mein Freund", erwiderte Lara gelassen, "und diese hier sind mir noch lieber, als die im zwanzigsten Jahrhundert. Bei denen kann man es nämlich nicht sehen". Gerade wollte Theo ihr von einem Geschenk berichten, das ihm ein Chinese gemacht hatte, da begann es fürchterlich zu regnen, und die beiden wären in den Fluten glatt ertrunken, hätte Lara sich nicht in die Lüfte geschwungen und den Theo mitgenommen, bis sie ruhig über dem Meer dahinglitten.

Auf einer sonnigen Robinson-Insel fanden sie sich wieder. Es war still geworden. Da wurde Theo Fieberbrain traurig. Er erzählte Lara davon, daß sein Leben wie ein Cartoon sei, von den Strahlen und dass viele Leute ihn für krank hielten, schon weil er aus dem Hause Fieberbrain war. Lara hörte zu und nickte geistesabwesend vor sich hin. "Ich denke", sagte sie dann, "eine Symbiose ist in diesem speziellen Falle vernünftig. Weiße Strahlen. Verstehe. Am Stadtrand, ja ja. Ich denke, es geht."

Die Kassette war zu Ende. Lara entschwand und Theo legte den Kopfhörer beiseite. Er rieb sich die Augen. Er hatte da einen Traum gehabt, oder nicht? Schattenspiele, Lichtspiele. Im Fernsehen lief ein Dokumentarfilm über peruanische Blasrohrjäger. Sie hielten triumphierend einen kleinen toten Affen in die Höhe und lachten. Theo schaltete den Apparat aus. Für heute hatte er genug gesehen. Er schlief ein im Wissen, dass alles wieder gut sein würde. Irgendwann.