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THEO FIEBERBRAIN UND DIE GROSSE LIEBE
(#3)
Theo Fieberbrain war sich langsam im klaren darüber, was mit der Welt nicht stimmte. Er beschloss daher, sich von nun an im Untergrund zu bewegen. Anlass war, dass Mutter Fieberbrain von der Geschichte mit dem Dschinn gehört hatte und der Sache auf den Grund gehen wollte. Theo versteckte sich daher in der Kanalisation. Hier konnte ihn niemand finden. Hier war weit und breit niemand zu sehen. Außer einer Ratte, die wie John Lennon aussah. "Sagt dir der Name Alice etwas?", fragte sie Theo.

Nun war Theo Fieberbrain nicht der Mann, der sich leicht einschüchtern ließ, und so erwiderte er lediglich: "Wenn du etwas von dem Zeug bei dir hast, das einen groß und dann wieder klein machen kann, dann gib's nur her!" Die Ratte aber sagte: "Nein, verwandle dich hier in einen Schmetterling, und folge mir!" Theo sah das Tierchen um die Ecke huschen und tat, wie ihm geheißen wurde. Er flog zunächst etwas unsicher und blieb oberhalb des steinernen Vorsprungs, doch schon bald schwebte er über dem Kanal in der Mitte, der Ratte hinterher, die sich tänzerisch und schnell in dem Labyrinth bewegte, gerade so, dass Theo Schmetterling ihr folgen konnte. Dabei orientierte er sich an den Fiepslauten, die die Ratte ausstieß.   Unten in der Kanalisation war sonst gar nichts. Außer dem Schmetterling, dieser einen Ratte und den Wasserwegen, die sich wie Nervenbahnen kreuzten. Vor einer Tür, auf die ein großes M geschrieben war, blieb die Ratte stehen.

Theo pochte mit seinen beiden Fühlern an diese Tür, und sie öffnete sich. Vor ihm stand ein weiter grüner Garten. Er blickte die Ratte dankend und gleichzeitig fragend an, ob sie nicht mit hereinkommen wolle. Doch da verschloss sich das Tor schon wieder, und mit einem Gruß trottete die Ratte zurück. Theo flog zu einem blühenden Kastanienbaum und mischte sich unter dessen helle Blüten, bis ihm schwindelig wurde. Er trudelte zu Boden ins Moos und verwandelte sich zurück in Theo Fieberbrain, den Mann, der ausgezogen war, um seinen Traum zu finden.

Es war Abend geworden, und der Himmel wurde kühl. Er hörte das Rascheln von Frauenfingern, die von der anderen Seite um die Rinde des Baumes strichen. Dann sah er zwei Füße im Moos vor den seinen und die andere Hand der Frau, in der eine Schale mit einem köstlich dampfenden Getränk war. "Magst du mit mir davon trinken?", fragte sie mit süßer Stimme, "es ist herrlicher Kastanientee." Und Theos Blick blieb auf ihr haften, während seine rechte Hand nach dem Getränk tastete. Ohne seine Augen von den ihren zu lassen, trank er den Tee. Er war süß. Er wurde müde davon. Schon sank er zusammen. Das letzte, was er sah, waren die Lippen dieser Frau unter dem Baum. Sie waren zu einem Kußmund geformt, ihm zugewandt, und doch, so schien es ihm zunächst, für niemanden bestimmt.

Als Theo Fieberbrain aufwachte, fand er sich in der dunklen Unterwelt wieder, gerade vor der Tür mit dem M, und mit Kopfschmerzen zwischen den Ohren. Die Ratte, deren Namen er nicht kannte, war nirgends zu sehen. Stattdessen erschien ein Fährmann, mit Floß und Stock, wie ein venezianischer Gondoliere. Theo wusste, dass solche Fährmänner erstens immer etwas †bles im Schilde führten, und dass sie einen zweitens an interessante Orte bringen konnten, wenn man schlau genug war. Also sagte Theo, um keine Zeit zu verlieren: "Ich steige schon ein. Du brauchst mir gar nichts zu erzählen, um mich herumzukriegen. Bloß erwarte nicht, dass ich dich im voraus bezahle. Das gibt es bei mir nicht. Und nun sag mir, wohin die Reise geht." Die Augen des Fährmanns leuchteten unter der Kapuze, und nach einer Weile des Zögerns stieß er das Floß ab und ließ er den Theo hinter sich im Schneidersitz sitzen.

Gleichmäßig bewegte sich das Fahrzeug. Es bestand aus flachem Holz, auf das ein warmer bunter Teppich befestigt war. Theo hörte den Fährmann nun sprechen, und obwohl der ihm den Rücken zukehrte, klang seine Stimme so nah, als säße er seinem Gast gerade gegenüber. "Wir fahren in den Rock-and-Roll-Himmel, denn dort erfährst du etwas über deinen Traum." Diese Worte klangen zu gut für einen Fährmann dieses Kalibers, und so entschied sich Theo dafür, ihn zu betrügen. Bevor der Kapuzenmensch etwas Unangenehmes gegen ihn unternehmen konnte, konzentrierte sich Theo zurück auf das M, welches an der Tür geschrieben stand und verwandelte sich wieder in den Schmetterling. Da bog das Floß nach links in einen Seitenkanal und war verschwunden. So sehr sich der Schmetterling auch bemühte, das Boot wiederzufinden, es blieb aus. Kein Rock-and-Roll-Himmel für heute!

Theo war enttäuscht und rauchte eine Zigarette. Plötzlich huschte die Ratte vorbei und flüsterte: "Ich heiße übrigens Sigmund", und Theo fiel glatt die Zigarette aus der Hand, die trudelnd in die Tiefe fiel, bis er schließlich selbst von dem Strudel ergriffen wurde, sich noch im freien Fall zurückverwandelte und auf einer Couch in Wien landete, direkt vor dem Mikrofon von Professor Freud. "Schauen Sie", sagte Freud, "jeder Mensch hat solch einen Traum. Er hat bei Männern meistens etwas mit einer Frau zu tun. Die Sehnsucht nach dem Ursprung führt manche leidenschaftlichen Männer zurück zum Adam-und-Eva-Szenario. So erleben sie ständig die Vertreibung aus dem Paradies. Wie die Motte das Licht. Sie sind Skorpion, nicht wahr?"

Doch das ließ Theo sich nicht bieten. Er hatte gehört, dass Skorpione oft von hinten erschossen wurden. So ritt er also in den Sonnenuntergang, und es gab nur noch das weite Land, sein Pferd und ihn, Theo Fieberbrain, der seinen Traum suchte. Er dachte an die Frau mit dem Kastanientee, deren Füße im Moos so weich waren. Deren Lippen ein M zu formen schienen, das über ihre Atemluft in die Welt entströmte, zwischen dem Gestern und dem Morgen. Den Kopf unten an eine Eiche gelehnt und den Hut weit über die Stirn gezogen, lauschte er dem Knacken des ausgehenden Lagerfeuers, während er die Ms dieser wunderschönen Frau zählte, denn er wusste nun, dass er seine große Liebe gefunden hatte. Beim dreiunddreißigsten M schlief Theo dann ein, und alles war anders geworden. Und bestimmt würde auch alles wieder gut werden. Irgendwann.