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ROCK'N'ROLL
Nachricht von Ozzy Balou
Eine Rekonstruktion
von Anis Hamadeh
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(1) Hanna G.: Abgesehen davon, dass ich die ASTRAL WEEKS von Van Morrison wiederentdeckt habe, geht mir in den letzten Tagen immer wieder der Name Helen Keller durch den Kopf. Vielleicht fällt mir ein, warum das so ist, wenn ich darüber schreibe.

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich langsam einen Begriff davon bekomme, was hinter der ganzen Ozzy-Problematik steht. Ich hatte damals zu BLUESLAND-Zeiten eine andere Einstellung. Es waren nicht besonders spirituelle Zeiten, und ich hatte wenig Lebenserfahrung. Meine jetzige Band, THE PIONEERS, ist auch anders. Die Musik ist meditativer geworden, auch experimenteller. Ich versuche, das Publikum von der Bühne aus zu befragen. So würde ich das nennen. Ich hatte irgendwann genug von den Konzertritualen. Da begann ich zu improvisieren. Mein Saxophon wurde zunehmend jazzig und ich schaffte es, die Energie aus dem Publikum direkt in die Improvisationen zu stecken und sofort zurückzugeben. Das ist wie ein Spiel. Wie Tischtennis vielleicht oder Volleyball. Es ist mit der Zeit eine ganz andere Musik geworden, weil ich mich einfach habe treiben lassen, und unsere letzten beiden CDs waren deshalb auch Live-CDs.

Insofern ist Ozzys „Plane nicht“ kein Aufruf zur Anarchie, sondern es steckt die Aussage dahinter, dass man sich nicht mehr wiederfinden kann, wenn man alles verplant. Wenn du planst, lebst du in der Zukunft, nicht im Jetzt. Wenn du aber nicht im Jetzt lebst, dann bist du nur noch halb so gut. Deshalb sind Pläne im Prinzip immer nur „halb so gut“. Natürlich müssen wir bestimmte Dinge planen, aber worauf basieren unsere Pläne? Wir brauchen starke Visionen für gute Pläne. Und starke Visionen bekommen wir, wenn wir möglichst viel Zeit im Jetzt verbringen. Ozzy hat auch, wie ich es sehe, weder eine Kulturrevolution ausgerufen, noch eine große Bewegung prognostiziert. Er hat vielmehr von einer neuen Zeit gesprochen, in der die Meinung der kleinen Leute wieder wichtig wird. Zum Beispiel, weil sich jeder heute eine Homepage machen kann, wo er oder sie sich öffentlich ausdrücken kann. Die ASTRAL WEEKS ist wirklich immer noch so gut wie vor 30 Jahren.

Helen Keller. Blind und gehörlos. Sieben Jahre alt. Alabama 1887. Die Erzieherin Anne Sullivan zieht zu den Kellers, um sich um Helen zu kümmern. Für Anne Sullivan eine Lebensaufgabe. Die Bändigung eines wilden Kindes. Ihm das Fingeralphabet beibringen. Ihm die Welt erklären, die es nicht sehen und nicht hören kann. Und wer nicht hören kann, kann auch nicht sprechen. Helen Keller überwand ihre Behinderungen und erhielt sogar 1955 als erste Frau überhaupt die Ehrendoktorwürde der Harvard-Universität für ihre vielen gesellschaftlichen Verdienste.

Beim Lesen der letzten Teile aus der Chronik habe ich an diese bemerkenswerte Frau gedacht, aber warum? Es hatte mit der Frage der Autorität zu tun. Ja, ich glaube, es geht mir um die Lehrerin und gar nicht um Helen. Ich habe Szenen aus dem biografischen Film im Kopf, in denen gezeigt wurde, wie das Kind, das nicht hören und nicht sehen konnte, an den Tisch gesetzt wurde, um zu essen. Sie war störrisch. Wollte nicht sitzen. Warf den Löffel fort. Stand wieder vom Tisch auf und lief davon. Es war mühsam, sie zu disziplinieren. Sie brauchte Disziplin, um die Welt systematisch kennen zu lernen. Ja, ich glaube, hier bin ich am Punkt, es geht um die Disziplin.

Nur weil Helen Keller diszipliniert worden ist, hatte sie später die Möglichkeit, viele schöne Dinge zu tun. Die Frage ist die Grundfrage der Erziehung: Wann wird Disziplinierung zu Gewalt? Und ist Gewalt in der Erziehung wirklich tabu? Gewalt ist Zwang, und Helen Keller ist ohne Frage zu einigen Dingen gezwungen worden. Entscheidend sind sicherlich die Absicht und die Kompetenz des Erziehers. Er muss dominieren, das ist sein Job. Ich frage mich diese Fragen als Pazifistin. Wie weit darf man andere manipulieren? Wann darf man Zwang ausüben oder muss es sogar? Ich kann diese Frage hier nicht auflösen, aber ich denke, dass es viel Fingerspitzengefühl braucht, um einen solchen Job wie den der Anne Sullivan zu machen. Und dass man ein solches Fingerspitzengefühl am ehesten bekommt, wenn man von friedlicher Natur ist.

(2) Roger B.: Ozzy, sei froh, denn wenn du durch bist, hast du niemandem gegenüber Verpflichtungen. Und ich zweifle kaum daran, dass du früher oder später durchkommst. Sieh es auch von der positiven Seite: Je mehr Leute dich heute zurückhalten wollen, desto weniger Rücksichten musst du später nehmen. Dann kannst du erst mal ganz entspannt in den Urlaub fahren. Und wenn jemand ankommt und etwas von dir haben will, kannst du sagen: Und wo warst du denn die ganze Zeit, als alle wussten, was los ist? Und wenn du mal keine Lust hast aufzutreten, dann brauchst du dich nicht dafür zu rechtfertigen.

(3) Robert A.: Ich spielte damals in der Gruppe GANJA KAYA, einer Reggae-Band, die in den 80ern im BLUESLAND zu Hause war. Ozzy kenne ich natürlich auch noch. Ich war mir damals nicht sicher, was ich von ihm halten sollte, obwohl wir eigentlich gut miteinander zurecht kamen. Heute erscheint mir vieles in einem anderen Licht, vor allem, weil hier über viele Sachen gesprochen worden ist, sodass ich andere Teile des Puzzlespiels jetzt gesehen habe. Besonders die zwischenmenschlichen Aspekte haben mein Interesse geweckt. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau und zwischen zwei Leuten allgemein. Mein Beitrag ist eine Art Antwort auf Chong aus der 40. Nachricht.

Ich musste an meine längste Beziehung denken, mit Nora, die dauerte dreieinhalb Jahre. Bis heute weiß ich nicht, ob es eine gute Beziehung war oder nicht. Wahrscheinlich war es insgesamt gesehen doch die beste. Sie ist aber nicht gut zuende gegangen. Als wir zusammenkamen, war ich noch nicht über meine frühere Freundin hinweggekommen, und das hatte unser Verhältnis in der ersten Zeit belastet. Später aber merkte ich, dass ich mit Nora glücklich war. Wir passten körperlich gut zusammen und konnten uns gegenseitig Dinge geben, die wir wohl beide vermisst hatten. Ich gehöre zu den Leuten, die die sexuelle Anziehungskraft für die gesündeste Basis einer Liebesbeziehung halten. Es war, als würden wir gute Musik zusammen machen. Wie bei wohl allen Beziehungen haben sich dann auch bei uns Muster herausgebildet. Irgendwann merkte ich, dass ich nicht so glücklich war, wie ich hätte sein können, aber ich wusste nicht, woran es lag. Ich hatte viel gearbeitet, hatte mein Studium und dann noch die Band. Ein bisschen habe ich mich auch in die Arbeit geflüchtet, um nicht darüber nachzudenken. Ich wollte nicht mit ihr in den Urlaub fahren und wunderte mich darüber. Als wir dann eine gemeinsame Wohnung hatten, brachen die Konflikte auf.

Ich renovierte die Wohnung, während Nora bei der Arbeit war, und abends half sie mit. Aber schon bald meinte sie, ich hätte gar keine Zeit mehr für sie, weil ich immer an der Wohnung arbeite. Und dann konnte ich beobachten, wie sie mich immer weiter herunterzog, bis ich schwach und ohne Energie war. Dann hat sie mich wieder aufgepeppelt, bis ich einen bestimmten Grad an Energie zurückbekommen hatte und dann fing das Spiel wieder von vorne an. Innerhalb von drei Wochen kam ich auf diese Art mehrmals hoch und runter. Irgendwann stellte ich sie zur Rede. Ich sagte es ihr, so wie ich es hier geschrieben habe, damit wir uns wieder finden konnten. Sie war auch nicht in der Lage, mich zu widerlegen, denn ich zählte es ihr auf und sagte: Kuck, in dieser Situation hast du mir ein schlechtes Gewissen gemacht, und hier hast du etwas nicht beachtet, was ich nur für dich gemacht habe. Und hier, als ich mit den Nerven runter war und in der Ecke lag, bist du wieder zu mir gekommen und hast mich gestreichelt und mir deine Liebe gegeben. Und wieder von vorne.

Sie hat es sich angehört und sie hat nichts darauf gesagt. Sie hat auch nicht damit aufgehört. Ihr letztes Mittel war die Drohung auszuziehen. Als sie diese Drohung beim nächsten Mal wieder aussprach, war ich dafür. Und sie ist ausgezogen. Es kam ihr selbst komisch vor, aber nun musste sie auch konsequent sein. Jedenfalls ist es ein Klischee, das Frauen diejenigen sind, die über Gefühle sprechen wollen und können. Ich habe ja bestimmt auch meine Macken und ich konnte ihre Macken wohl auch akzeptieren, aber wenn eine Seite anfängt zu schweigen, dann geht Vertrauen verloren. Da es insgesamt aber wohl die erfolgreichste Beziehung in meinem Leben gewesen ist, habe ich nicht aufgehört, sie zu analysieren. Ich wollte nicht dieselben Fehler immer wieder machen. Denn es sind ja immer zwei Seiten. Welches Verhalten, so habe ich mich gefragt, hätte die Beziehung erfolgreich gemacht? Vielleicht hätte ich mich besser schützen können, um für ihre Sticheleien nicht mehr so anfällig zu sein. Aber das wäre nicht gegangen. Wenn man dem Partner vertraut, dann zeigt man sich ihm, wie man ist, mit all seinen Zweifeln und Unpässlichkeiten. Man macht sich automatisch verletzlich, weil man sich sonst ständig verstecken müsste. Sich vor Sticheleien schützen heißt ja nichts anderes, als sich zu verstecken, seine möglichen Fehler verbergen.

Als Rastaman konnte ich mit diesem Problem lange Zeit nicht umgehen. Für mich zählen Harmonie, gute Rhythmen und die Entdeckung der Langsamkeit. An Machtspielen dieser Art habe ich wenig Interesse. Aber ich muss einsehen, dass viele Leute nicht über ihren Schatten springen können. Mit Worten hätte ich Nora nie überzeugen können. Es muss bei ihr ein Grundbedürfnis nach Kontrolle gegeben haben. Nach dem Motto: Wenn du es nicht schaffst, mich zu kontrollieren, dann werde ich dich kontrollieren, damit die Kontrolle gewährleistet ist. Sie war schon so, bevor ich sie kannte, das hatte nichts mit mir zu tun, und wer weiß, wie ich selbst bin, denn bestimmt habe ich auch irgendwelche Neurosen. Es geht mir nicht darum anzuklagen, ich versuche nur zu verstehen, wie die Leute funktionieren und wie man damit umgehen soll.

(4) Enno: Hi Schraube, wie kommst du denn hier rein? Von dir habe ich ja ewig nichts gehört. Ruf bitte mal durch, ich habe meine Handynummer bei der Redaktion hinterlegt. Es wundert mich übrigens nicht, was da jetzt bei Ozzy wieder passiert. Als er damals noch in der Kottwitzstraße gewohnt hat, war ich öfter mal drüben. Das hörte dann auf, als diese Melanie K. aufkreuzte. Wie dem auch sei, es geht um dieselben Sachen. Es ist ein grundsätzliches Problem. Jemand wie Ozzy braucht einen gesellschaftlichen Schutz. Solange er nicht von der Gesellschaft legitimiert ist, werden seine Gegner immer versuchen, ihn mit solchen miesen Tricks abzulinken. Meine Güte, Ozzy ist jetzt 32, das muss doch irgendwann ein Ende haben.

(5) Tarek B.: Hier ist der Zivi mit dem deutschen Problem noch mal kurz. Ich habe Marias Rat befolgt und Matthias die Chronik gezeigt. Es war zugegebenermaßen zuerst etwas komisch, weil er auch nicht so eine Leseratte ist und die ganze Sache seltsam fand. Aber dann hat er sich ein paar Artikel durchgelesen und wir haben uns lange über die Chronik unterhalten. Mit dem Arierthema sind wir jetzt durch. Wir konnten uns zwar nicht sehr gut zu diesem Thema unterhalten, aber er hat gelesen, wie ich darüber denke und es steht nicht mehr zwischen uns. Manchmal ist es schwer, den richtigen Weg zu finden, um den anderen auf etwas aufmerksam zu machen. Das ist ja gerade das Problem bei Tabus, sonst wären es ja keine. In diesem Falle hat es ganz gut funktioniert.

Redaktion in Kiel, 10.12.01

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