(1) Simon: Gestern abend haben wir uns wieder bei Maria getroffen. Die Atmosphäre war sehr klar, heiter irgendwie. Eigentlich haben wir nur alle durcheinander gequasselt. Ein paar Leute haben gesagt, es wäre ein bisschen so wie im BLUESLAND damals, weil es auch fast alles BLUESLAND-Leute waren. Schraube und Enno haben ein paar Geschichten von damals erzählt in ihrem breiten Hamburger Dialekt. Ich habe es sogar geschafft, nicht betrunken zu werden, so wie sonst. Silke meinte, eine renommierte neue Studie spreche von 8 Millionen alkoholabhängigen Deutschen. Das wäre jeder zehnte, Kinder mitgerechnet. Nicht schlecht. Immerhin ein Wirtschaftsfaktor.
Ozzy war übrigens auch gut drauf. Man mag das nicht unbedingt vermuten, wenn man seinen letzten Beitrag gelesen hat. Wenn man selbst schon mal so etwas geschrieben hat, weiß man aber, dass gerade aufgrund dieser Schärfe der Worte eher zu erwarten ist, dass der Schreibende sich abreagiert hat und also entspannt ist. Dies wiederum ist bitte nicht zu verwechseln mit harmlos, denn Ozzys Meinung ist kein bloßes Gerede für ihn. Er lebt das so. Gestern ist er wieder ins Hotel gezogen. Er wollte einen Tapetenwechsel. Zum Surfen kommt er aber wieder vorbei, meinte er. Ozzy klappert nämlich in letzter Zeit manchmal die Online-Presse ab. „Einen Zug durch die Gemeinde“ nennt er das. Hier und da trifft er alte Bekannte, schreibt mal kurz ne Mail als Antwort auf einen Artikel, das scheint ihm zurzeit Spaß zu bringen.
Ich habe nun eine ganze Weile damit verbracht, über meinen Glauben nachzudenken und habe als Anregung ein paar Sachen gelesen, darunter auch James Redfield's Bestseller DIE PROPHEZEIHUNGEN VON CELESTINE. Auch über dieses Buch haben wir gestern viel geredet, denn erstaunlich viele kannten es oder hatten es sogar schon gelesen. Und jeder, der es kannte, hat in der Art, wie er oder sie darüber sprach, zu erkennen gegeben, dass es ein bleibender Eindruck war. Die Presse scheint tatsächlich eine gewisse Angst vor Glaubensfragen zu haben. Ist Gott eine Erfindung von Bin Laden? Nun bin ich selbst Journalist, und ich kann mir vorstellen, was da in den Redaktionsstuben passiert. Auf diese ganze Fragestellung war dort niemand vorbereitet. Die Art, wie wir Presseleute leben, ist schon einigermaßen abstrakt. Das hat auch die TAZ vor ein paar Wochen mal festgestellt, als sie beim ZDF zu Besuch war. Aber wie überall anders auch: Man sieht den Fehler nur bei den anderen, bei sich selbst ist man einigermaßen immun für so etwas. Das ist ein Mechanismus, der durch alle Gesellschaftsschichten geht. So etwas Persönliches wie Glaube passt nicht dazu.
Nun ist es bei der Presse besonders fatal, denn sie bestimmt einen sehr großen Teil unserer Realität. Durch die Auswahl ihrer Themen, durch die Perspektive der Berichterstattung, durch die Nachricht und die Botschaft, also die Bedeutung und Relevanz der Nachricht für uns in unserem Leben. Jetzt sind wir bei der Presse mit Glaubensfragen konfrontiert, und keiner weiß so recht, was er machen soll. Man sieht das prototypisch an den Titeln des SPIEGEL seit dem Elften September und auch vorher öfter mal. Wenn man richtig hinkuckt, sieht man es überall: Es fällt den meisten Journalisten ausgesprochen schwer, tiefschürfende Dinge über Glaubensfragen zu schreiben, denn Glauben ist bei uns etwas Intimes, und es bedeutet immer, dass man sich einer Sache weit öffnet. Das gilt im Kodex der deutschen Presse eher als unseriös. Jetzt aber sind die Fragen da, und sobald die Fragen an die Oberfläche der Gesellschaft treten, muss die Presse sie natürlich aufgreifen. Ich denke, sie werden eine neue Sprache finden müssen, sonst haben sie gar keine Instrumente dafür.
(2) D. Hofstaedter: Vor wenigen Tagen war der Gerichtstermin dieses Satanisten-Ehepaares, das einen Mann brutal ermordet und sich vor Gericht in Szene gesetzt hat. Von Reue keine Spur. Im Gegenteil. Die Presse hat darauf reagiert. Nicht anders als früher, würde ich sagen. Man zeigte satanistische Gegenstände, nannte ein paar Rituale und fixierte sich auf Frisuren und Auftreten der beiden Täter. Dann sprachen einige Psychologen über den Fall. Jedoch schienen sie den Kern des Problems nicht behandelt zu haben.
Wenn zwei Menschen einen so grauenhaften Mord verüben und sich damit vor der Welt brüsten, dann haben sie sich – politisch gesehen – bewusst von der Gesellschaft entfernt, in einer Art, dass die Gesellschaft es auch ganz bestimmt merkt. Die Botschaft ist: Wir sind gegen die herrschenden Verhältnisse. (Und wie!) Der Ausdruck der Botschaft aber, also diese Requisiten und dann die Gräueltat, ist eine Verirrung. Und zwar eine Verirrung in dem Sinne, dass sie wie jeder andere Mensch von ganz schlimmen Schuldgefühlen heimgesucht werden. Und wenn das jetzt noch nicht eingetreten ist, dann liegt das an dem Schutzpanzer für die Gerichtssituation und die Öffentlichkeit. Sobald diese Stimmen aus den Köpfen der beiden raus und sie mit sich allein sind, werden diese Schuldgefühle aufkommen. Die Öffentlichkeit wartet auf die Schuldzugabe, es ist ein wenig zu vergleichen mit Inquisitionssituationen: Man kann die beiden erst dann vernünftig verurteilen, wenn sie es zugeben und damit das System wieder anerkennen.
Wenn sie es zugeben? Zugeben, dass sie sich geirrt haben, und dass das System Recht hat mit seinen Werten und Normen. Das können die beiden jetzt gar nicht. Sie haben einen Mord begangen, sie haben gezeigt, dass sie sich nicht von den Maßgaben der Gesellschaft beeindrucken lassen. Früher oder später werden sie verstehen, dass dieser Mord nichts mit ihren politischen Forderungen an die Gesellschaft zu tun hat. Das liegt in der Natur der Sache. Den Nicht-Psychologen sind solche Persönlichkeitsbilder fremd, sie können nicht begreifen, warum jemand ein Kreuz umdreht oder irgendwelche Hühner schlachtet. Die politische Botschaft, die sich dahinter verbirgt, wird daher nicht wahrgenommen bzw. die Person, die eine solche Tat verübt, hat keine Glaubwürdigkeit mehr. Man kann ihr politische Botschaften nicht mehr glauben, nicht mehr abnehmen, weil der Mund der Botschaft schmutzig ist. Meiner Ansicht nach ist es in solchen Fällen so, dass es genügt, wenn die Schuldigen detailliert verstanden haben, was sie getan haben. Dass sie Schicksale zerstört haben, einem anderen Menschen Jahre des Lebens geraubt haben. Das reicht als Strafe eigentlich schon aus, um der Situation gerecht zu werden. Dem Publikum reicht es natürlich ebensowenig wie dem Establishment.
(3) E. Solms: Ich habe jetzt wirklich genug von diesem Zeug. Irgendwo muss auch eine Grenze sein. Wie kann Ozzy so etwas schreiben wie mit dem Untermenschen und der Herrenrasse? Das geht nicht. Das sind Wörter aus einer Zeit, als in Deutschland Menschen systematisch verfolgt und vernichtet wurden. Ozzy setzt sich mit den Opfern des damaligen Regimes auf eine Stufe und beschmutzt damit ihr Andenken. Es hat keinen Zweck, ewig in der Vergangenheit herumzustochern, Ozzy muss sich dem Leben stellen und darf keine Ausreden mehr erfinden, warum er unzufrieden ist. Ich werde jetzt prüfen, ob man irgendwie dagegen vorgehen kann, dass Ozzy Balou ungehindert solche Sachen veröffentlicht. Ich werde auch noch einmal beim Gesundheitsamt nachfragen, worum es da eigentlich genau ging, man kann ja nie wissen.
(4) Maja B.: Den Galtung habe ich nun doch nicht gelesen. Allerdings hat er zur Gewaltfrage einen ganz guten Essay im Netz auf der TRANSCEND-Homepage. Er schreibt jedenfalls überhaupt nicht trocken, sondern für Leute, die es auch lesen wollen. Das fällt heutzutage dermaßen auf, dass man es schon würdigen muss. Nein, ich bin erst einmal wieder vom Gewaltbegriff abgekommen. Ich verliere sonst die Frage, habe ich das Gefühl. Man muss sich wieder und wieder fragen, wonach genau man sucht. Wir haben jetzt viel zum Gewaltbegriff zusammengetragen. Das wird uns helfen, wenn wir über ‚Schuld' und ‚Gerechtigkeit' nachdenken oder ähnliche Begriffe.
Was mir während des Jahreswechsels immer mal durch den Kopf gegangen ist, ist die Frage nach den Kindern. Um die geht es uns doch an erster Stelle. Wenn die Gewalt aufhören soll und wir einen Frieden in der Gesellschaft erreichen möchten, dann müssen wir zuerst dafür sorgen, dass die alte Mentalität nicht weiter nachwächst. Wem das zu heftig klingt, dem kann ich PISA noch einmal ins Gedächtnis rufen.
Fangen wir einmal ganz vorne an: Die Kinder werden in den Schulen vor allem so erzogen, dass sie Dinge erbringen müssen, die man ‚Leistungen' nennt. Vieles an diesen Leistungen ist bestimmt in Ordnung, einer der wesentlichen Schwachpunkte dieses Denkens ist aber der sehr früh anerzogene Konkurrenzkampf, dem man in der Schule unwillkürlich ausgesetzt ist, und der sich nicht auf den Unterricht beschränkt, sondern im gesamten Sozialverhalten anzutreffen ist. Hierarchische Cliquenbildungen zum Beispiel werden oft aus dem Sportunterricht abgeleitet. Letztlich aber geht es um die Frage, was unsere Kinder eigentlich lernen sollen. Das ist die ganz große Frage, die auch nicht in einem Beitrag oder zehn beantwortet werden kann.
Wenn es aber gesellschaftliche Veränderungen geben soll, dann sind es drei Parteien, die im Vordergund stehen: die Familien, die Presse und die Schulen. Beim Konkurrenzdenken gibt es eine ganz gefährliche Nebenwirkung, nämlich den Neid. Der wird durch Konkurrenzdenken gefördert. Neid ist bekanntlich eine Todsünde, das hat schon seinen Grund. Man schließt sich selbst von Dingen aus, die einem über sind. Das Konkurrenzdenken führt auch zu törichten Slogans, wie zum Beispiel auf der aktuellen Frontseite von SPIEGEL-Online. Da wird ein Trivial-Pursuit-Spiel online angeboten. Um die Kundschaft anzulocken, schreiben sie: ‚Wissen Sie mehr als alle anderen? Hier können Sie es beweisen!' Trivial Pursuit, das ich selbst gerne mal spiele, basiert auf dem Wissen des Kollektivgedächtnisses. Ebenso wie diese Günter-Jauch-Geschichten, die das ganze noch mit der naiven Vorstellung ‚Viel Wissen ist viel Geld' verknüpfen. Es ist schon eine Gedächtnisleistung, wenn jemand beim Trivial Pursuit mithalten kann, aber mehr eben auch nicht. Deshalb heißt es ja auch so: unbedeutender Zeitvertreib. Natürlich klingt ‚Trivial Pursuit' viel besser, aber es bedeutet nichts anderes. Kollektivgedächtnis wiederum heißt auf jeden Fall: Nichts Neues. Es ist das Wissen, das jeder auf Knopfdruck bekommen kann. Sie wissen nicht, ob Elvis in Hollywood, in Las Vegas oder in Memphis geheiratet hat? Sie können es googeln. Kollektivwissen ist Wissen, das man googeln kann.
Und so erziehen wir auch die Kinder in der Schule. Wir geben ihnen die Art von Wissen, die wir mit unseren Begrifflichkeiten überhaupt fassen können. Denn die Didaktik, die unsere Kultur auszeichnet, hat immer mit Kontrolle zu tun. Weil wir sonst keine Curricula schreiben könnten. Es muss ja manifest, geplant, kontrolliert sein, was man als Richtlinie aufschreibt. Und genau dieses Denken ist falsch. Richtig ist, die Schüler als Maßstab für den Unterricht zu nehmen, denn denen wollen wir Bildung vermitteln. Die erreichen sie nur, wenn sie ihre Fähigkeiten möglichst gut entwickeln. Bildung muss sich heute an ihrer Effektivität messen lassen. Die Deutschen sind nicht doof. Das System ist einfach scheiße, das ist alles. Wir müssen jetzt damit anfangen, zu verstehen, was Fähigkeiten überhaupt sind, wie man sie fördert, welche man fördert, und was das konkret für die Lehrer bedeutet. Ozzy hat am Freitag gesagt: ‚Es gibt nur fördern und hemmen', also dass es dazwischen nichts gebe. Es reicht nicht, Reformen im üblichen Sinne durchzuführen, wir müssen jetzt etwas ganz Neues machen. Und fragt mich nicht ‚Sonst passiert was?', denn das ist altes Denken. Angstdenken ist altes Denken. Wir wollen nach vorne.
(5) Mr. Sunbird: Die Presse ist machtlos gegen die vereinigten Sonnenvögel und den internationalen Rock'n'Roll.
Redaktion in Kiel, 13.01.02
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