Da es jetzt das Register gibt, können wir für den Rest der Chronik an einigen Stellen auf Verweise verzichten. Wenn jemand also wissen möchte, woran Lisa anknüpft, wenn sie vom „Gewaltfraktal“ und vom „Autoritätsfraktal“ spricht, kann er oder sie das in sekundenschnelle über den Eintrag „Fraktal“ im Register nachvollziehen. Hier sind die Beiträge der letzten zwei Tage:
(1) Marion C.: Der Begriff „Streitkultur“ ist bereits gefallen, und er scheint mir bedeutend. Ich denke, dass eine Erneuerung der Gesellschaft hier beginnt. Zwar sind wir Deutschen und Europäer ach so stolz auf unsere Demokratie und den Pluralismus, aber das sind meistens doch nur Worte, hinter denen sich in Wahrheit nur Rituale verbergen. Angesichts der Tatsache, dass noch immer kein Ruck durch Deutschland gegangen ist, obwohl die sozialen Probleme uns in ihrer Tragweite bekannt und bewusst sind, erkennt man, dass eine Verbesserung bei uns vom Volk gar nicht wirklich gewünscht wird. Vielleicht hat das damit zu tun, dass Argumente tatsächlich im gesellschaftlichen Diskurs keinen so hohen Stellenwert haben. Das würde natürlich bedeuten, dass Machtgebaren einen viel höheren Stellenwert haben, und zwar nicht nur in der Regierung und in der Wirtschaft, wo es offensichtlich ist, sondern auch bei der Presse, bei den Gewerkschaften, im Erziehungswesen und in den Familien. Die Diskrepanz zwischen Wort und Tat hat eine destruktive Doppelmoral zur Folge, die auf Selbstbetrug basiert. Wir sagen bzw. schreiben über Toleranz und Menschenrechte, um unser Gewissen zu beruhigen und berufen uns auf unsere hehren Worte. Über unsere Taten sagen wir lieber nicht so viel.
Streitkultur bedeutet für mich, dass man den Problemen auf den Grund geht, ohne persönliche Nachteile befürchten zu müssen. Eines der wichtigsten Merkmale der heutigen deutschen Gesellschaft ist leider die Konfliktscheu. Sie verhindert die Streitkultur und führt zur autoritären Gesellschaft. Die meisten von uns denken in einer Mentalität, die ihnen vorgibt, Konfliktpunkte lieber nicht auf den Tisch zu bringen, weil man sonst befürchten muss, angegriffen zu werden. Die Deutschen sind überaus empfindlich und verletzlich, was ihr Ego angeht, genau wie andere Gesellschaften. Warum das so fatal ist, will ich am Beispiel der Gewalt erklären.
In jeder größeren Gruppe und in jeder Gesellschaft gibt es erfahrungsgemäß Gewalttäter. Leute, die durch physische Überlegenheit, meistens aber durch materielle und positionelle Überlegenheit Zwang auf andere ausüben und sie Dinge tun lassen, die diese eigentlich gar nicht wollen. Die Gewalttäter haben es dabei leicht, weil sie den Zwang erfolgreich als Normalität hinstellen können, sodass die Untergebenen sich ihrer Unterdrückung oft gar nicht richtig bewusst sind. Zudem können sie auf tiefgreifende Ängste wie Jobverlust und Isolation zurückgreifen, um andere gefügig zu machen. In einer konfliktscheuen Gesellschaft bleiben die Gegenkräfte sehr gering. Es mag ein paar Leute geben, die sich wehren und die ihre Freiheit behaupten, doch finden sie nur sehr wenig gesellschaftliche Rückendeckung.
Konfliktscheu wird meistens damit begründet, dass man nichts Negatives in die Welt setzen möchte, keinen Streit säen möchte etc., doch wird damit Unterdrückung gesät, was bestimmt die schlechtere Wahl ist. Außerdem liegt der Konfliktscheu der Irrtum zu Grunde, dass Streit etwas Negatives ist. Vielmehr ist Gewalt etwas Negatives. Streit ist Demokratie. Pluralismus ist Streit. Streit, wenn er richtig geführt wird, ist etwas Konstruktives, weil er Dinge an die Oberfläche bringt, die für die Situation relevant sind. Es fällt den Leuten auch schwer, zwischen Egostreit und Sachstreit zu unterscheiden, weil so viele Leute tief in ihr Ego verstrickt sind, ich selbst bestimmt auch zu einem Maße.
Wenn er richtig geführt wird ... Ich denke, hier liegt eine der großen Herausforderungen für die Progressiven, denn der zweite Teil des Begriffs ‚Streitkultur' ist ‚Kultur'. Wenn wir nach der Vorgabe leben möchten: ‚Lieber mal ein Wort zu viel, als ein Wort zu wenig', dann ist es zentral, die richtigen Umgangsformen zu wählen. Das heißt zum einen, darauf zu achten, dass man im Streit so konstruktiv wie möglich ist und sich bewusst macht, wann das Ego spricht, und wann man sachlich ist. Das Ego spielt im Streit immer eine Rolle, und das ist auch gerechtfertigt, denn meistens streitet man über Situationen, an denen man selbst beteiligt ist, die eigene Person ist also Bestandteil des Streitgegenstandes. Jeder Mensch hat Bedürfnisse und Interessen, wegen derer er streitet, das ist normal. Wir brauchen aber Maßstäbe, die uns sagen, welche dieser Bedürfnisse und Interessen legitim sind und welche Zwang und Unterdrückung bedeuten.
Zweitens brauchen wir neue Formen, eine Art Etikette. Die Zeiten haben sich verändert, wir leben im globalen Dorf. Es kommt immer häufiger vor, dass Menschen über Länder- und Kulturgrenzen hinweg kommunizieren. Die Streitkultur, die ich hier beschreibe, soll internationale Gültigkeit haben, weil sie sonst über Provinzialität nicht hinauskommt. Streitkultur heißt auch Kommunikationsfreudigkeit. Ohne Kommunikation kann es keine Verständigung geben und keine Toleranz. Man muss den anderen schon kennen. Streitkultur heißt, auf die Dinge zu reagieren, die um einen herum geschehen. Seine Meinung dazu zu sagen, zu loben und zu tadeln, sich zu zeigen, Farbe zu bekennen. Wer so handelt, ist ja auch berechenbar. Er gibt etwas von sich und stellt sich gegen Geheimniskrämerei. Doch wie leicht entstehen Missverständnisse, wenn man in der Rede nicht geübt ist! Davon kann ich mich leider selbst auch nicht ausschließen.
Den Umgang miteinander lernen. Ja, ich glaube, wir sind an dieser Basis. Wir müssen wieder lernen. Wie spreche ich jemanden korrekt an? Wie reagiere ich auf Kritik? Welche Rolle spielt der Humor? Angesichts des Internetzeitalters stehen wir vielleicht gerade an der Schwelle zur Weltkultur, einer Kultur, die alle Menschen auf der Welt integrieren kann und allen gerecht wird. Dafür will ich kämpfen!
(2) Lisa: Jemand von uns sollte einen Beitrag zum Thema „Australien“ schreiben, also übernehme ich das mal. In der sengenden Wüste von Australien ist ein Lager, in dem Asylanten gefangen gehalten werden. Sie sitzen zum Teil bereits seit Jahren dort fest und warten auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge. Inzwischen ist die Lage so weit eskaliert, dass einige Gefangene in den Hungerstreik getreten sind und sich die Lippen zugenäht haben. Die Nachrichten, die sie aus ihren Zellen nach draußen bringen können, zeugen von tiefer Depression. Es wurde auch gesagt, dass die Kontrolle des Lagers einer US-amerikanischen Wachgesellschaft unterliegt, die sonst im Gefangenenvollzug involviert ist. Die Lebenslage der Asylanten ist also auf jeden Fall sichtbar schwer. Die australische Regierung setzt auf Härte. Der Einwanderungsminister sagte, er lasse sich nicht von den Provokationen der Asylanten erpressen.
Ich denke, dies ist ein weiteres gutes Beispiel, um dem Kontrollfraktal und dem Autoritätsfraktal näher zu kommen, die bereits angesprochen wurden. Die zu Grunde liegende Situation besteht aus einer Machtpartei A und einer kontrollierten Partei B. Partei A argumentiert, dass sie sich nicht durch die provozierende Kritik der Partei B beeinflussen lässt. Im Falle Australiens handelt es sich um gewaltlosen Widerstand. Dieser wird aber faktisch ebenso bekämpft wie der gewaltsame Widerstand etwa eines Bin Laden, indem er gar nicht als Widerstand gesehen wird, sondern lediglich als Angriff. In beiden Fällen reagierte A mit Abschreckung. Diese führt dazu, dass zwar die Machtposition von A (fürs erste) erneuert und ausgebaut wird, aber zur Beilegung des tiefer liegenden Problems trägt sie nichts bei, im Gegenteil. Die Mächtigen leben in dem Bewusstsein, dass ihre Ego-Situation und Machtposition von höherer Realität ist als die Gesamtsituation, in die auch Partei B integriert ist. Nach meiner Ansicht sehen die australischen Behörden die Asylanten einfach falsch. Sie machen aus ihnen Feinde, die sie gar nicht sein müssen und auch gar nicht sein wollen. Immerhin hatten sie sich zu Beginn an Australien gewandt. Das taten sie bestimmt nicht aus dem Wunsch nach Selbstzerstörung. In der jetzigen Lage nehmen sich die beiden Parteien gegenseitig Energie, wie auch Israelis und Palästinenser. Wenn ich die schlimmen Bilder von dem Lager sehe, dann habe ich das Gefühl, in die Psyche der Australier zu schauen, und sie werden mir unsympathisch. Wen ich da sehe, sind ja gar keine elenden Asylanten, sondern es ist ein Szenario, das die Australier gebaut haben. Es ist ein Traumbild Australiens. Ich sehe darin in erster Linie das schlechte Gewissen, das die Weißen gegenüber den Aborigines haben.
(3) Ozzy: Nach all den Schwierigkeiten, die ich in dieser Gesellschaft hatte, frage ich mich, wie viele Ozzys wohl vor mir in diesem schönen Land schon auf der Strecke geblieben sind. Hunderte? Tausende? Ich glaube nämlich kaum, dass ich so einzigartig bin. Wie Marion früher einmal über die Albtraumkunst geschrieben hat, so bin auch ich der Ansicht, dass die meisten progressiven Kräfte bereits im Ansatz erstickt werden. Man gibt den Leuten gar keine Gelegenheit, sich so weit zu entwickeln, dass sie sich ein Werk erschreiben oder ermalen oder ersingen und ein gesundes Selbstbewusstsein ausbilden können. Für mich ist es heute leichter, denn ich habe all diese Songs, die mir zeigen, dass meine Art, die Welt zu sehen, mich weitergebracht hat. Solange ich nicht stagniere, ist für mich alles in Ordnung. Es soll nur genug Luft zum Atmen bleiben, für kreative Menschen allgemein.
Um meine Entscheidung aktiv an diesem Wunsch zu arbeiten, zu begründen, möchte ich darauf hinweisen, dass mir vor einiger Zeit Leute aus meiner nächsten Umgebung am Telefon sagten, dass sie Angst hätten, ich würde mich umbringen. Dies war vielleicht das Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist, denn ich befand mich in einer schwierigen Zeit und war sehr allein. Die betreffenden Personen hatten nämlich gleichzeitig eine große Distanz aufgebaut. Ich habe das unter dem Stichwort „Sich sorgen, aber sich nicht kümmern“ in meinem Kopf. Das ist das Schlimmste, was es gibt, und es ist eine Art Extrem und Extrakt der ganzen gesellschaftlichen Doppelmoral: Sie denken, sie lieben dich, weil sie sich Sorgen machen, in Wahrheit aber zerstören sie dich, weil sie dich allein lassen. Ich hatte zuvor niemals Suizidgedanken, aber da ich es von anderen so gehört hatte, bekam der Gedanke in meinem Kopf Raum. Warum hätten die beiden solche Angst davor gehabt, dass ich mich umbringe, wenn ich nicht einen triftigen Grund dafür hätte! Und den begann ich fortan zu suchen. Ich glaube nicht, dass diese Situation individuell war, sondern ich glaube, dass ein gesellschaftlicher und sehr böser Mechanismus dahinter steht. Ich möchte und muss aufgrund dieses Wissens nach meinen Kräften verhindern, dass Schwächere in diese Falle tappen und tatsächlich auf dumme Gedanken kommen.
(4) Tarek B.: Im Radio habe ich gehört, dass Astrid Lindgren gestorben ist. Schade, dass man ihr nicht den Literaturnobelpreis gegeben hat, sie war ja im Gespräch dafür. Vielleicht hatte sie auch nur noch darauf gewartet, um zufrieden sterben zu können. Pippi Langstrumpf jedenfalls gehört zu den ganz großen Märchen des 20ten Jahrhunderts, und es ist zeitlos schön und aktuell. Es gab ja Stimmen, die sagten, dass Pippi Langstrumpf subversiv sei, weil es von einem Kind handelt, das sich eine souveräne Gegenwelt aufbaut, die auf der Kraft der Fantasie beruht, und die stärker ist als das Establishment. Ich denke, dass diese Stimmen völlig Recht haben. Pippi Langstrumpf ist subversiv. Genau wie Ozzy. Es lebe die Revolution!
Redaktion in Kiel, 31.01.02
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